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Überwachungs-Talk beim 35C3 : Was weiß Amazon alles über uns?

Amazon-Zentrum in Bangalore, Indien Bild: AFP

Jeder Nutzer hat das Recht, von Amazon Auskunft über die eigenen Daten zu verlangen, aber kaum jemand nutzt dieses Angebot. Ein Vortrag auf dem Chaos Communication Congress forscht den Datenhalden nach.

          Es war ein Experiment: Einen ganzen Haufen Bücher, mehrere Aktenordner, plüschige Hausschuhe, eine Computermaus kaufte Katharina Nocun innerhalb von einem Jahr bei Amazon, tausende mehr Artikel schaute sie sich an, ohne sie in den virtuellen Warenkorb zu legen. Nocun, Autorin des Buches „Die Daten, die ich rief: Wie wir unsere Freiheit an Großkonzerne verkaufen“, wollte wissen, welche Daten Amazon über sie speichert. „Archäologische Studien im Datenmüll“ nennt sie den Vortrag, in dem sie das Ergebnis dieses Versuchs vorstellt.

          In den Vereinigten Staaten gibt es ein Schließsystem für Haustüren, damit der Amazonbote das Paket im Hausflur abstellen kann, ohne die berüchtigten Abholzettel im Briefkasten hinterlassen zu müssen. Es ist eine unangenehme Vorstellung, dass ein Fremder selbst die Haustür öffnen und in den Flur sehen kann, aber ist der Blick in die eigenen Vorlieben nicht viel intimer? Zumal kaum jemand weiß, was Amazon eigentlich genau erfasst. Nach Artikel 15 der Datenschutzgrundverordnung kann jeder Verbraucher zwar eine kostenlose Kopie seiner Daten anfordern, aber wer tut das schon?

          Bei Nocun war es, wie sie sagt, der Beginn einer langen intensiven Brieffreundschaft. Zunächst studierte sie die AGB des Unternehmens und die Datenschutzerklärung, dann schrieb sie für sich eine Checkliste, was genau sie von Amazon erwartet. Wer das nachmachen möchte, legt im Anschreiben am besten eine Frist von etwa einem Monat fest, sonst bewege sich nichts, und am besten drohe man auch gleich mit der Aufsichtsbehörde. Als erstes wird das Unternehmen antworten, dass der Kunde in sein Benutzerprofil schauen sollte, dort stehe alles, als nächstes druckte Amazon das Profil aus und legte es in die Post. Damit solle man sich auf keinen Fall zufrieden geben, denn schließlich entdeckte Amazon doch noch ein paar Daten und schickte sie an Nocun, die jedoch ahnte, dass das längst nicht alles war. Irgendwann schickten sie ihr die dritte CD-Rom, auf der sich Listen mit Suchanfragen befanden, aber auch eine sehr, sehr lange Excel-Tabelle namens „Clickstream“.

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          Und da war es nun endlich, das komplette Klickverhalten der Katharina N., jede einzelne Interaktion, jeder Klick, jedes Bild, das sie vergrößert hat. Um aus den Daten schlau zu werden, nahm sie die Hilfe einer Datenanalystin in Anspruch. Letty, so nennt sie sich, zeigte, dass jeder Klick nicht nur einem Datum und einer Uhrzeit, sondern auch mit dem genauen Standort, dem Internetanbieter und der entsprechenden Ladezeit verzeichnet sind, 15.000 Einträge sind das zwischen August 2016 und Oktober 2017. man erkennt die Tage, an denen Nocun in der Bibliothek saß und kurz zwischendurch nach einem Buch suchte und die Tage, an denen sie bei dieser Suche irgendwie auf der Seite versackte. Hauptsächlich bewegte sie sich in Berlin und Norddeutschland, aber auch in Polen hielt sie sich auf und auf den Bahamas. Daneben verzeichnet Amazon auch die Webseiten, auf denen sie vorher unterwegs war und auf welche sie danach abwanderte. Ein bisschen was über die Surfgewohnheiten bekommt Amazon dadurch auch gleich mit.

          Aber was sieht jemand, der nur die Datenspur sieht? Da ist zum Beispiel das Buch übers Kinderkriegen von Malte Welding, ein Buch über moderne Beziehungsformen und ein Buch übers Aussteigen. Man könnte darauf auf ihre Interessen schließen, jedoch kannte sie in zwei Fällen den Autor, in einem Fall teilte sie mit der Autorin den Verlag. Was sagt die Flasche Gin, das Buch über Arthrose und gleich mehrere Bücher über Krebs über ihren Gesundheitszustand? Nichts. Nocun wollte recherchieren, wie hoch der Anteil „esoterischer Quatschbücher“, wie sie sagt, im medizinischen Angebot bei Amazon ist. Ebenso hinterließen Recherchen über die AfD und deren Publikationen Spuren, die auf eine rechte politische Gesinnung schließen lassen könnten. Ein Killerspiel, eine Sturmmaske und ein Kochtopf könnten auf eine potentielle Gefährderin hinweisen.

          Kurz: Niemand möchte, dass irgendjemand aus den Datenspuren, die eine Person hinterlässt, irgendwelche Schlüsse über ihre Persönlichkeit zieht. Und das war nur der Amazon-Shop. Wer noch Angebote wie Video, Audible oder gar Alexa nutzt, hinterlässt deutlich mehr Daten. „Überwachung ist längst zur Standardeinstellung geworden“, sagt Nocun abschließend. Dabei sollte eigentlich die Privatsphäre der Standard sein.

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