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Neubaugebiet in der Türkei : Über Schloss und Riegel

Siebenhundert identische Märchenschlösser stehen in einem türkischen Tal: die Siedlung Burj al-Babas in diesem Winter. Bild: AFP

Wer sich über die Villen lustig macht, die sich in Burj al-Babas wie ein Lavastrom aus Türmchen und Erkerchen in ein türkisches Tal ergießen, sollte nur einen Blick in hiesige Neubaugebiete werfen.

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          In diesem Tal sieht es aus, wie es klingt, wenn eine Platte einen Sprung hat: 732 identische Villen im Neogotik-Spätrenaissance-Kompositstil walzen sich durch ein Gebirgstal in der türkischen Provinz Bolu, 175 Millionen Euro hat das Bauunternehmen hier investiert, um eine Retortenstadt zu bauen, in der es nur einen relativ exzentrischen Häusertyp gibt, eine Art Mini-Renaissanceschloss. Alle zusammen sehen aus, als wollten sie den Beweis antreten dafür, dass die Regel „Nicht jeder kann König sein“ ab sofort nicht mehr gilt. Das hier ist Neuschwanstein für alle, es sieht aus, als habe jemand beim Märchenschlossschnellbauwettbewerb den Abschaltknopf seines 3D-Druckers nicht mehr gefunden. Das Unternehmen, das hier baut, ist in Schwierigkeiten geraten und musste Gläubigerschutz beantragen. Der Immobilienmarkt in der Türkei erlebt gerade eine Krise, noch ist die Siedlung eine Geisterstadt. Immerhin sind aber 351 Villen zu Preisen zwischen vier- und fünfhunderttausend Euro verkauft worden.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          In einem Jahr, in dem das Bauhaus seinen hundertsten Geburtstag feiert, sieht so ein Lavastrom aus Türmchen und Erkerchen, der sich gen Westen ergießt, auch ein wenig aus wie eine Bebilderung von Freuds Theorie des verdrängten Eigenen, das als erschreckendes Fremdes zurückkommt, wie eine rachsüchtige Armee all der von den Ideologen des Reinen, Klaren, Reduzierten, klinisch Weißen verbannten Bauteile, die hier wie die siebenhundert Zwerge aus einem Horrormärchen mit ihren grüngrauen Mützen auf die Flachdächer des Westens zumarschiert. Die Sarot-Siedlung ist alles, was das Bauhaus nicht wollte – industriell massengefertigte Schnörkel und Deko-Elemente, die vorgaukeln, dass hier Steinmetze am Werk waren, Kitsch, Dysfunktionalität, bürgerliche Renommierträume ... Entsprechend hämisch fielen die ersten Kommentare aus: Vom hohen, mit „Wallpaper“-Heften und skandinavischen Mid-Century-Möbeln bestens gefütterten Betonross westlicher Geschmackssicherheit herab machten sich die ersten Kommentatoren ausgiebigst lustig über die Nöte der doofen Sarot Group, die mit ihrem „Disney-Horror“ und „Zuckerbäckerkitsch“ ordentlich auf die Nase gefallen sei.

          Im Gelächter steckt auch Groll

          Jenseits von solchem etwas billigen Triumphgeheul beweist das Bild Folgendes: die außereuropäische und nichtwestliche Welt, also ein Großteil aller Kulturen, kümmert sich, anders als mit Begriffen wie „internationaler Stil“ behauptet, ganz offensichtlich kein bisschen um die Stilvorgaben des minimalismusgläubigen Westens. Sarot baut französische Märchenschlösser für den gehobenen Mittelstand; der höchste Turm von Saudi-Arabien, das über 600 Meter hohe Mecca Royal Clock Tower Hotel, ist nicht etwa eine futuristische Glasnadel von Sir Norman Herzog de Nouvel, sondern ein gigantisch aufgeblähter Big Ben. Tianducheng, ein Vorort der chinesischen Stadt Hangzhou, ist ein Nachbau von Paris, mit Eiffelturm und Arc de Triomphe. Angesichts des schwindenden Einflusses des Westens ist es geradezu rührend zu sehen, dass die Träume von türkischen, chinesischen oder arabischen Investoren immer noch von britischen Glockentürmen und französischen Schlossarchitekturen befeuert werden (deren Architekten beim Zeichnen ihrerseits oft sehnsüchtig in orientalische Märchenbücher schielten). So lebt das alte Europa in seltsamen Anamorphosen weiter.

          Man kann sich über die türkische Villenarmee lustig machen – aber sieht sie so viel schlechter aus als ein durchschnittliches deutsches Neubaugebiet, in dem die Fertighausindustrie einen wärmedämmputzumwickelten Billigkarton nach dem anderen aufstellt, nur „individualisiert“ durch zabaione- bis toskanahafte Wandfarben, asymmetrische Türfenster und blaue Dachziegel? Angesichts der Kaskaden von Gestaltungseinfällen, Designo-Produkten und Ich-bin-besonders-Behauptungen, die sich über die wehrlosen deutschen Vororte ergießen, wirkt die Monotonie eines Typenhauses fast wohltuend. Und schließlich erinnert der wirklich hemmungslose Einsatz von Säulen, Erkern und gotischen Fenstersprossen an das große Dilemma halbkonservativer westlicher Architekten, die zwar das Alte rekonstruieren, aber nicht als reaktionär gelten wollen und deswegen in ihrem Tun auf halber Strecke in einem anämisch-pappigen, immer seltsam desinfiziert aussehenden Gipsklassizismus-Semifreddo steckenbleiben. Auf der Berliner Friedrichstraße wollten die Architekten die Formen der alten Stadt wiederaufleben lassen, trauten sich aber nicht, das zu bauen, was die Schönheit der Häuser der alten Stadt wirklich ausmachte – die Vor- und Rücksprünge, die einem Haus erst Tiefe geben, Karyatiden, Erker, Voluten, Rustizierungen, kalter Marmor, schwerer Samt, zischend hochkochende Gotizismen, die opulent überladenen Fassaden der Gründerzeit, in deren Nischen der Bewohner sich einnisten und das Auge sich festsehen kann wie an einer Felswand. Stattdessen: Käseschnittfassaden, Dämmputztristesse, Trockenbau und Trockenbrothäuser, wohin man sieht.

          Vielleicht muss man die Bauästhetik radikalisieren: Entweder euphorisch kühl und glasklar und maximal reduziert – oder richtig aus dem Vollen schöpfend. Man kann sich schieflachen über den Bombast der komischen türkischen Siedlung, aber im Gelächter über den Kitsch der anderen steckt auch Groll über die kahle, halbherzig andekorierte Designo-Tristesse, die sich in den eigenen Vorstädten ausbreitet.

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