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Klaus von Dohnanyi zur Ukraine-Krise : Was sie in die Knie zwingt

  • -Aktualisiert am

Er weiß mit seinen Analysen gezielt zu provozieren: Klaus von Dohnanyi Bild: Schneider, Holde

„Putin-Versteher“ sind nicht automatisch Befürworter der russischen Politik im Krim-Konflikt. Und geht es nicht auch um „Obama-Versteher“, wenn man die Ukraine-Krise richtig beurteilt?

          7 Min.

          Im verbündeten Westen gibt es unterschiedliche Meinungen zur Lösung der Ukraine-Krise, obwohl wir in der Analyse der Ursachen übereinstimmen: Die Revolution in Kiew hat Russland beunruhigt, aber das Referendum auf der Krim war dennoch illegal und nach der Verfassung der Ukraine unzulässig. Die Annexion verstieß gegen das Völkerrecht; Russland hatte 1994 im Budapester Protokoll die territoriale Integrität der Ukraine einschließlich der Krim garantiert. Und ohnehin kann die streitige Übernahme des Teiles eines anderen Staates nicht rechtens sein.

          Die Annexion der Krim gefährdet auch den Frieden in der Welt: Sprachliche Minderheiten jenseits einer Grenze dürfen nicht zum Vorwand für Landnahme werden. Das würde schnell in eine sehr unfriedliche Welt führen. Die heutigen Unruhen in der Ostukraine sind bereits eine gefährliche Folge des Beispiels Krim.

          Pas tout pardonner

          Aus russischer Gefühlslage lässt sich die Annexion allerdings verstehen: 1783 von Katharina der Großen den Tartaren entrissen, gehören Krim und ihr Hafen Sewastopol kulturell etwa so eng zu Russ-land wie Florida und Miami zu den Vereinigten Staaten. Ein Willkürakt von Chruschtschow schlug die Krim 1954 zwar zur Ukraine, und jene folgte ihr dann Anfang der neunziger Jahre in die Unabhängigkeit einschließlich Sewastopol. Russland hatte für Sewastopol dann nur noch einen zeitlich begrenzten Pachtvertrag. 20 Jahre Teil der Ukraine gegenüber mehr als 200 Jahren Teil Russlands: Das erklärt sogar Gorbatschows nachdrückliche Unterstützung der Annexion.

          Kulturell gespalten, gab es im Westen der Ukraine schon von der orange Revolution Versuche, die Ukraine einseitig an EU und Nato zu binden. Der Osten der Ukraine, eher nach Russland orientiert, und die dortigen Interessen Russlands waren aufgeschreckt: Sewastopol auf Nato-Gebiet - ein schwerer Schlag für den russischen Nationalstolz.

          Schweigen herrschte während des G8 Gipfels in Enniskillen, nun eröffnen die Nato und die Vereinigten Staaten eine „Krieg der Worten“ gegen Russland

          Diese Zusammenhänge zu verstehen heißt nicht die Annexion zu billigen. Tout comprende ist nicht tout pardonner! „Putin-Versteher“ im Krim-Konflikt sind keine Befürworter seiner Politik. Aber bei jedem Konflikt muss man versuchen, die Sicht beider Seiten im Auge zu behalten.

          Finnlandisierung des kleinen Nachbars

          Gerade für die Vereinigten Staaten sollte Putins Lagebeurteilung so schwer verständlich nicht sein. Als Fidel Castro 1959 die Macht auf Kuba gewann, kam er den Vereinigten Staaten so nahe, dass Kennedy 1961 einen militärischen „Befreiungsversuch“ unternahm. Lange Wirtschaftsembargos folgten. Und auch amerikanische Interventionen in Iran 1953 (Sturz Mossadegh) oder Chile 1973 (Sturz Allendes) könnte man erinnern.

          Jedoch Verständnis hin oder her - Putins Schritt bleibt gefährlich. Denn wohin könnte russischer Nationalismus in anderen Regionen Osteuropas noch führen? Hat Putin weitere „Grenzbereinigungen“ vor? Treibt er die Unruhen in der Ostukraine voran?

          Aus historischer Erfahrung neigen wir dazu, Russland gefährliche Absichten zu unterstellen. Will Putin aber wirklich - oder wollte er jemals - den Ostteil der Ukraine besetzen und annektieren? Kann er ein Interesse an einem möglichen ukrainischen Bürgerkrieg haben? Oder hat vielleicht Brzezinski, der frühere Sicherheitsberater von Präsident Carter, recht, wenn er eine „Finnlandisierung“ der Ukraine als das wahre Ziel Putins vermutet? Wir wissen es nicht.

          Die Geschichte lehrt

          Im Lager der verbündeten westlichen Staaten gibt es angesichts dieser Ungewissheiten zwei unterschiedliche strategische Überlegungen: Die eine, heute eher von den Vereinigten Staaten geprägt, lautet: Stärke zeigen, Nato-Präsenz an die Grenzen bringen; Russland „bestrafen“. Und wenn Putin nicht nachgibt: schärfere „Strafen“, Kontakte weiter abbauen und Truppen der Vereinigten Staaten an den Grenzen zu Russland stationieren. Könnte aber die Nato heute die Grenzen Osteuropas ohne Einsatz von Atomwaffen überhaupt verteidigen? Ehrliche Antworten sind gefragt.

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