https://www.faz.net/-gqz-9tnxg

Eskalation in Hongkong : Zweierlei Ohnmacht

  • -Aktualisiert am

Vermummter Demonstrant auf dem verwüsteten Campus der „Hong Kong Polytechnic University“ Bild: dpa

Manche chinesische Machtdemonstrationen sind auch ein Zeichen von Ohnmacht, von der erst die Zukunft zeigen wird, wie viel Hass, Gewalt und Anomie sie hervorbringen wird. Was sagt die Eskalation in Hongkong über den Systemwettbewerb?

          2 Min.

          Was zurzeit in Hongkong geschieht, lässt für den globalen „Wettbewerb der Systeme“ (eine mittlerweile so geläufige Formel, dass sie sogar in den Koalitionsvertrag der deutschen Regierung Eingang gefunden hat) das Schlimmste befürchten. Die Belagerung der Polytechnic University durch die Polizei, die bei Veröffentlichung des Artikels noch andauerte, ist der bisherige Gipfel einer Eskalation, aus der nach wie vor kein Ausweg erkennbar ist. Es hat etwas Fatales und Tragisches, wie das Bild nun nicht mehr bestimmt wird von dem alle Gesellschaftsschichten umfassenden, in seiner Friedlichkeit überwältigenden Protest von zwei Millionen Hongkongern, die im Juni gegen die Verletzung der vertraglich zugesicherten rechtsstaatlichen Autonomie auf die Straße gingen, sondern von Molotowcocktails werfenden, brandschatzenden Aktivisten. Wenn man die Eigendynamik rekonstruiert, die zu dieser Gewalt führte, stößt man auf ein Bewusstsein des Ausgeliefertseins: das Gefühl, einer opaken Macht gegenüberzustehen, die, statt auf die Bevölkerung einzugehen, nur mit Manipulation und Gewalt reagieren kann. Wenn heute nur noch die radikalsten, von Kontexten und Lösungsmöglichkeiten weitgehend absehenden Mittel Zustimmung in der Stadt finden, ist das ein Ausdruck dieser verzweifelten Ohnmacht.

          Der Volksrepublik China scheint unterdessen in ihrer wachsenden Machtfülle nichts etwas anhaben zu können. Spätestens seit dem Regierungsantritt Xi Jinpings zeigt sie nicht das geringste Anzeichen einer Bereitschaft zu Demokratisierung oder Liberalisierung. Ihr Versprechen, den Bürgern Sicherheit, Stabilität und die Möglichkeit, die individuellen eigenen Interessen zu verfolgen, zu geben, verbindet sie mit einer immer umfassenderen und ausgefuchsteren Überwachung. Doch wann immer ihr Anspruch mit einem Widerstand nicht nur gegen ihre Mittel, sondern auch gegen ihre Ziele konfrontiert wird, weiß sie offenbar keinen anderen Rat als den von Polizei, Gewalt und Einkerkerung. Sowenig sie in all den Jahren seit der Entkolonialisierung verstanden hat, dass Hongkongs System und Gesellschaft nicht nur auf ökonomischen Interessen beruhen, so wenig kann sie mit uigurischer Kultur und muslimischer Religiosität jenseits der tourismuskompatiblen Folklore in Xinjiang umgehen. Ihre Machtdemonstration dort ist daher auch ein Zeichen von Ohnmacht, von der erst die Zukunft zeigen wird, wie viel Hass, Gewalt und Anomie sie hervorbringen wird.

          Bei diesem Systemwettbewerb treffen also zwei ganz verschiedene Arten von Ohnmacht aufeinander, ein hochexplosives Amalgam. Auf die Welt als Ganze lässt sich das erst einmal nicht übertragen, weil man anders als beim staatlich integrierten, daher abhängigen Hongkong bei Europa und Amerika von Ohnmacht natürlich nicht reden kann. Doch schon heute zeigt der Disput um die Elektronikfirma Huawei, auf deren fortgeschrittene 5G-Technik sich nicht so leicht verzichten lässt, in welche Abhängigkeiten der Westen noch geraten könnte.

          In dem Hongkonger Ohnmachtsstrudel gibt es keinen von vornherein feststehenden Punkt, von dem her sich das Gewirr auflösen ließe. Allein von einer unabhängigen Untersuchung der Polizeigewalt – einer der Forderungen der Demonstranten, die zudem ganz in der Logik des Hongkonger Justizsystems läge – könnte man erhoffen, dass sie auf Dauer etwas Vertrauen wiederherstellt; natürlich könnten sich dann auch die Aktivisten von einem rechtsstaatlichen Verfahren nicht ausnehmen. Doch das Signal, das diese Woche der Nationale Volkskongress in Peking aussandte, ging in eine andere Richtung: Er könne, ließ er verlauten, die von Hongkonger Gerichten angekündigte Aufhebung des Vermummungsverbots seinerseits wieder aufheben.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Die Verhaltensauffälligen

          Corona-Pandemie : Die Verhaltensauffälligen

          Jetzt kommen die Tiere in die Stadt. Dabei ist die neue Ruhe für manche von ihnen trügerisch. Sie suggeriert den Zuwanderern, dass die Stadträume leer sind.

          Topmeldungen

          Trump über Harry und Meghan : „Sie müssen zahlen!“

          Von London über Kanada nach Hollywood: Nach nur wenigen Monaten haben Harry und Meghan Kanada offenbar wieder verlassen und sind nach Kalifornien umgezogen. Das Willkommen des amerikanischen Präsidenten fällt allerdings eisig aus.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.