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Was passiert mit unseren Städten? : Stadt der Untoten

Links das klassische Berlin, rechts das Immobilienprojekt „Yoo Berlin“ von Philippe Starck Bild: Peach Property Group

Staatliche Liegenschaften werden meistbietend verhökert, gleichzeitig entsteht eine Luxusanlage nach der anderen. Ist das die Rückkehr der bürgerlichen Wohnkultur - oder die Zombifikation der Stadt?

          6 Min.

          Auf Youtube ist zurzeit ein Werbefilm zu sehen, in dem ein unrasierter Mann mit hoher Stimme zur Bevölkerung Berlins spricht. Der Mann ist, seinem Akzent nach, Franzose, und das, was er sagt, die Art, wie er aus seiner Lederjacke herausgrinst - alles spricht dafür, dass es sich bei dem Mann um den Bösewicht eines neuen Bond-Films handelt. Die Bevölkerung werde überrascht sein, sagt dieser Mann; er spreche hier für die Organisation „Yoo“, was allein ja schon wie die Negation von 007, mit einem stilisierten Martiniglas statt einer sieben am Ende, aussieht. Wenn in Bond-Filmen so einer auftritt, dann ist mindestens die Welt bedroht, und eine Stadt wie Berlin wird es nicht mehr lange geben.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Und so ist es auch - selbst wenn der Mann, der da spricht, nur der Designer Philippe Starck ist, der mit seinen Einfällen bisher von allem die Welt der Stühle und der funktionsfähigen Zitronenpressen bedroht hat, das allerdings sehr erfolgreich. Für Berlin hat er mit der Peach Property Group das Immobilienprojekt „Yoo“ entwickelt: Direkt an der Spree, neben dem Berliner Ensemble, wird gerade ein zehngeschossiges Haus gebaut, dessen Form aussieht wie die verrutschte Ladung eines Containerfrachters, und in diesem Haus gibt es, für einen Quadratmeterpreis von durchschnittlich 8.700 Euro, 95 Wohnungen zu kaufen - mit Spa, Indoor Pool und anderen Dingen, die man in Berlin bisher nicht so häufig fand.

          Möbel muss man keine mitbringen, denn die Wohnungen sind auf Wunsch eingerichtet; fürs Interieur gilt die Drohung, die Philippe Starck im Video ausspricht: „Nothing is normal, everything is a creation.“ Nichts ist normal, alles ist eine Erfindung, und zwar eine aus den Zentralkammern der Gestaltungseinfallhölle: Teller befinden sich nicht dort, wo man sie braucht, nämlich auf dem Tisch, sondern sie hängen senkrecht an den roten Wänden. Der Kronleuchter sieht aus, als sei er von einem wütenden Biber mit einem Schwanz voller Mörtel angefertigt worden, in der Mitte des Raums steht eine Schubkarre, die als Sessel dient. Selbst gutmütige Surrealisten hätten jeden, der so etwas verzapft, wegen Rufschädigung angezeigt.

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          Wir alle, sagt Starck, seien Teil einer kulturellen Familie, die sich in vier stilistische Untergruppen aufteilen lasse, welche gleichzeitig den vier Stilkategorien für die Einrichtung eines Apartments im „Yoo“-Haus entsprechen, zwischen denen zu wählen ist, nämlich „Classic“, „Minimal“, „Nature“ und „Culture“. „Your wife will love it“, sagt Starck (offenbar richtet sich der Werbefilm ausschließlich an Männer). „Wer sich für den Culture Style entscheidet“, erläutert die Peach Property Group in einem Dossier, „genießt den Luxus. Er oder sie könnte beispielsweise ein Sammler sein.“  Die Leute vom Theater am Schiffbauerdamm und die Künstler, die hier bis vor kurzem wohnten und den Platz manchmal für Performances und manchmal für ein Picknick nutzten, werden sich die Augen reiben: Wo eben noch Kultur war, ist jetzt Culture

          Kunst spielt eine wichtige Rolle bei den neuen Immobilienprojekten, denn niemand, der sich in Berlin für mehr als zwei Millionen Euro eine Wohnung kauft, möchte hören, dass die Nachbarschaft aus zwanzig Villen und vierzehn Wachhunden besteht, die im Vorgarten an den Rhododendron pinkeln - sondern er möchte teilhaben am sogenannten brodelnden kulturellen Leben, das man Berlins Mitte nachsagt.  Diese Mitte, erläutert der Verkaufsprospekt von „Yoo“, sei bevölkert von „selbstsicheren Erfolgsmenschen und jugendlichen Kunststars im Wartestand“ - die, so das implizite Versprechen, der „Yoo“-Bewohner vielleicht sogar aus ebendiesem Wartestand befreien könnte: Es winkt mit Kauf einer der überteuerten Wohnungen eine Zukunft als beliebter Gönner, als Sammler, ein aufregendes Leben in der Boheme.

          Einige kluge Leute haben zu Recht darauf aufmerksam gemacht, dass Gentrifikation auch positive Seiten hat und dass es in Berlin eine unsympathische und populistische Aggression gegen alles gibt, was die verbummelte Schlurfigkeit der Stadt gefährdet, einen Hass auf alles, was nach Geld und Stil aussieht - zwei Phänomene, ohne die die schönste Kunstwelt auf Dauer nicht auskommt, wenn man keine staatsfinanzierte und staatlich kontrollierte Kunst als Ziel vor Augen hat. Und natürlich ist es kindisch, ein kunstfreudiges Bürgertum als feindliche Macht anzusehen.

          Als Fiktion wird nachgebaut, was verdrängt wurde

          Nur ist es noch die Frage, ob die neuen Wohnanlagen, die massenhaft in den Innenstädten wachsen, architektonische Vorboten der ersehnten Rückkehr eines aufgeklärten, weltoffenen Bürgertums sind oder leider eher das, was sich Leute unter Stil vorstellen, die keinen haben - und nicht einsehen wollen, dass Stil mit bei Starck zugekauften Style so wenig zu tun hat wie Kultur mit Culture und Klassik mit Classic, sondern eher etwas mit weiterreichenden Selbstentwürfen und Lebenserfahrung.

          Dieses Missverständnis ist aber symptomatisch für die Entwicklung der Innenstädte: Die neuen Bauprojekte verdrängen nicht einfach nach guter alter Gentrifizierungsart das Einfache und Provisorische durch ein wohlhabendes bürgerliches Leben. Sie zombifizieren die Stadt: Sie lassen das, was sie verdrängten - die Ateliers, die kleinen Kunsträume, das Improvisierte, Provisorische - als wertsteigerndes, belebendes Bild wiederauferstehen. Die neue Stadt baut als Fiktion nach, was sie soeben verdrängte: Der Künstler soll dem Quartier das Aroma urbaner Widerständigkeit geben, Kultur kommt als Untoter im Gewand der Culture zurück, um den Bewohner über die Sterilität hinwegzutäuschen, die mit ihm Einzug hielt.

          Auch das andere große Immobilienprojekt in Berlin, die 85 Millionen Euro teuren „Kronprinzengärten“ an der Friedrichswerderschen Kirche, setzt auf die Strahlkraft der Kunst: Unter den geplanten Bauten ist neben dreißig Luxuswohnungen auch ein Galeriehaus, „ein ‚Kunsthaus‘ mit Deckenhöhen bis 4,80 Meter“ vorgesehen. Trotzdem wird man das Gefühl nicht los, dass das hier auch nur Investorenkisten sind, bei denen die Architekten wie hektische Patissiers noch ein bisschen Sahnecreme um die drögen Tortenböden geschmiert haben.

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          Die neuen Gebäude drängeln sich mit dem Selbstbewusstsein eines betrunkenen Kneipengängers bis auf fünf Meter an ihre Nachbarin, Schinkels berühmte Kirche, heran, in der während der Bauarbeiten der Putz von der Decke krachte. Aus Sicherheitsgründen, teilte die Stiftung Preußischer Kulturbesitz mit, habe man während der Bauarbeiten nebenan sämtliche Skulpturen aus der Kirche auslagern müssen - was seine eigene metaphorische Logik hatte: Wo Culture kommt, muss Kultur einpacken.

          Ungefähr auf Höhe des Kirchendachs wird es in den „Kronprinzengärten“ einen Roof-Pool geben, so dass unten entlangwandernde Mitarbeiter des Auswärtigen Amts, wenn sie nass werden, nicht davon ausgehen müssen, dass es regnet, und wenn es knallt, muss das nicht heißen, dass einer vom Dach aufs Ministerium schießt, sondern nur, dass er keinen Champagner entkorken kann.

          Auch für die „Kronprinzengärten“ gibt es einen Werbefilm: Man sieht, wie eine junge Frau mit cremefarbenem Jäckchen shoppen geht, einen wolfsartig grinsenden Mann zum Mittagessen trifft und dann in die „Kronprinzengärten“ wandert, vor denen im Werbefilm sinnloserweise eine Kutsche vor der Tür steht - so, als habe die junge Frau eine Affäre mit dem soeben aufgetauten Alexander von Humboldt. Am Ende des Films verschwindet sie hinter cremefarbenen Wandbespannungen in einem Leben, das wie ein begehbarer Latte macchiato aussieht und sehr wenig mit dem Lebensstil zu tun hat, für den in Berlin etwa das großbürgerliche Haus in der Bleibtreustraße 15 steht, in dem bis 1933 der Kunsthändler Alfred Flechtheim wohnte.

          „Wohnen wie Sophie Charlotte“

          Das Berlin der zwanziger Jahre, das auf alten Fotos als glitzerndes, funkelndes Dickicht aus Kaffeehäusern, Neonreklamen, Ampeln, Trambahnen, Fuhrwerken, Pelzmänteln, Autos, Hüten, Elektrizität, Hektik, Liebe und Zigarrenqualm erscheint, war das Ergebnis einer irrwitzigen Kompression. 1877 wurde Berlin Millionenstadt, bis 1905 verdoppelte sich die Einwohnerzahl, 1920 war man bei vier Millionen Einwohnern, Berlin war nach London und New York die drittgrößte Stadt der Welt. Emigranten strömten nach Berlin und überfüllten die Stadt, und diese Überfülle war ihr Reichtum: In der Friedrichstraße und dort, wo heute „Yoo“ und die „Kronprinzengärten“ gebaut werden, wohnten dreimal so viel Menschen, wie eigentlich geplant war.

          Diese Massen, die ins Zentrum strömten, brachten ein Durch- und Übereinander der sozialen Schichten und kulturellen Rituale mit, eine chaotische Verdichtung, die das Gegenteil der Bebauung innerstädtischer Leerflächen mit gepflegt-hochpreisigem Zombifikations-Urbanismus war. Natürlich gab es im Berlin der zwanziger Jahre noble Wohnbauten. Aber gleich daneben, dahinter, unter dem Dach, lebten - wenn man dem Architekten Philip Johnson glauben darf, der dieses Berlin noch selbst erlebte und kurz vor seinem Tod die verschwundene Turbulenz der Stadt beklagte - Menschen mit deutlich weniger Geld, die Bars und Läden eröffneten, in denen sich die sozialen Schichten durchmischten.

          Diese Durchmischung sucht man in den neuen Wohnarealen vergeblich; aber vielleicht wollen die Planer der neuen Städte auch gar nicht zum Ideal der wilden, übervollen Stadt zurück. Vielleicht ist das Ideal nicht das bürgerliche, sondern das feudale, kleinstädtisch-vormoderne Berlin, das sich mit der alten Kutsche im Werbefilm der - auch nicht zufällig so genannten - „Kronprinzengärten“ seinen Weg bahnt. Vielsagend war die Art und Weise, auf die der Berliner Liegenschaftsfonds ein großes städtisches Grundstück in der Nähe des Schlossgartens im Bieterverfahren anpries: als „Grundstück für die Entwicklung von hochwertigem Wohnen“ unter dem Titel „Wohnen wie Sophie Charlotte“, die preußische Königin.

          Wegen genau dieser staatlichen Liegenschaftspolitik, bei der das höchste Gebot angenommen wird, werden die Flächen, auf denen auch preisgünstige Wohnungen gebaut werden können, mit jedem Verkauf kleiner. Erst seit kurzem gibt es in Berlin Versuche, städtische Liegenschaften nicht mehr nur zum Höchstgebot zu verkaufen, sondern auch zu schauen, welche sozialen Folgekosten die kurzfristige Verhökerung für die Stadt als soziales Konstrukt hat.

          Trotzdem soll das Areal der Alten Münze im Klosterviertel, wo bisher temporäre Veranstaltungen stattfanden, zu möglichst viel Geld gemacht werden. Das Gelände, auf dem ein Designmuseum und Ateliers für junge Entwerfer hätte entstehen sollen, wurde nach einigem Hin und Her im Bieterverfahren neu ausgeschrieben, unter Nutzungsart steht nun „Büro, Verwaltung, Hotel, Freizeit“. So droht die Stadt ein ödes Gebräu aus Entertainment und Tourismus, diffuser Feudalisierungssehnsucht und zugekauftem Geschmack zu werden.

          Philippe Starck, schreibt der Pressetexter von „Yoo Berlin“ in einem Anfall von surrealistischem Sprach- und Wahrheitsfuror, setze „modern neben klassisch, Satire neben Leidenschaft und Gestalt neben Form, um außergewöhnliche Wohnerlebnisse zu schaffen“. Vielleicht sind die neuen Innenstädte genau das: eine Satire. Ein großer Witz. Aber halt auch ein sehr schlechter.

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