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Was passiert mit unseren Städten? : Stadt der Untoten

„Wohnen wie Sophie Charlotte“

Das Berlin der zwanziger Jahre, das auf alten Fotos als glitzerndes, funkelndes Dickicht aus Kaffeehäusern, Neonreklamen, Ampeln, Trambahnen, Fuhrwerken, Pelzmänteln, Autos, Hüten, Elektrizität, Hektik, Liebe und Zigarrenqualm erscheint, war das Ergebnis einer irrwitzigen Kompression. 1877 wurde Berlin Millionenstadt, bis 1905 verdoppelte sich die Einwohnerzahl, 1920 war man bei vier Millionen Einwohnern, Berlin war nach London und New York die drittgrößte Stadt der Welt. Emigranten strömten nach Berlin und überfüllten die Stadt, und diese Überfülle war ihr Reichtum: In der Friedrichstraße und dort, wo heute „Yoo“ und die „Kronprinzengärten“ gebaut werden, wohnten dreimal so viel Menschen, wie eigentlich geplant war.

Diese Massen, die ins Zentrum strömten, brachten ein Durch- und Übereinander der sozialen Schichten und kulturellen Rituale mit, eine chaotische Verdichtung, die das Gegenteil der Bebauung innerstädtischer Leerflächen mit gepflegt-hochpreisigem Zombifikations-Urbanismus war. Natürlich gab es im Berlin der zwanziger Jahre noble Wohnbauten. Aber gleich daneben, dahinter, unter dem Dach, lebten - wenn man dem Architekten Philip Johnson glauben darf, der dieses Berlin noch selbst erlebte und kurz vor seinem Tod die verschwundene Turbulenz der Stadt beklagte - Menschen mit deutlich weniger Geld, die Bars und Läden eröffneten, in denen sich die sozialen Schichten durchmischten.

Diese Durchmischung sucht man in den neuen Wohnarealen vergeblich; aber vielleicht wollen die Planer der neuen Städte auch gar nicht zum Ideal der wilden, übervollen Stadt zurück. Vielleicht ist das Ideal nicht das bürgerliche, sondern das feudale, kleinstädtisch-vormoderne Berlin, das sich mit der alten Kutsche im Werbefilm der - auch nicht zufällig so genannten - „Kronprinzengärten“ seinen Weg bahnt. Vielsagend war die Art und Weise, auf die der Berliner Liegenschaftsfonds ein großes städtisches Grundstück in der Nähe des Schlossgartens im Bieterverfahren anpries: als „Grundstück für die Entwicklung von hochwertigem Wohnen“ unter dem Titel „Wohnen wie Sophie Charlotte“, die preußische Königin.

Wegen genau dieser staatlichen Liegenschaftspolitik, bei der das höchste Gebot angenommen wird, werden die Flächen, auf denen auch preisgünstige Wohnungen gebaut werden können, mit jedem Verkauf kleiner. Erst seit kurzem gibt es in Berlin Versuche, städtische Liegenschaften nicht mehr nur zum Höchstgebot zu verkaufen, sondern auch zu schauen, welche sozialen Folgekosten die kurzfristige Verhökerung für die Stadt als soziales Konstrukt hat.

Trotzdem soll das Areal der Alten Münze im Klosterviertel, wo bisher temporäre Veranstaltungen stattfanden, zu möglichst viel Geld gemacht werden. Das Gelände, auf dem ein Designmuseum und Ateliers für junge Entwerfer hätte entstehen sollen, wurde nach einigem Hin und Her im Bieterverfahren neu ausgeschrieben, unter Nutzungsart steht nun „Büro, Verwaltung, Hotel, Freizeit“. So droht die Stadt ein ödes Gebräu aus Entertainment und Tourismus, diffuser Feudalisierungssehnsucht und zugekauftem Geschmack zu werden.

Philippe Starck, schreibt der Pressetexter von „Yoo Berlin“ in einem Anfall von surrealistischem Sprach- und Wahrheitsfuror, setze „modern neben klassisch, Satire neben Leidenschaft und Gestalt neben Form, um außergewöhnliche Wohnerlebnisse zu schaffen“. Vielleicht sind die neuen Innenstädte genau das: eine Satire. Ein großer Witz. Aber halt auch ein sehr schlechter.

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