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Was passiert mit unseren Städten? : Stadt der Untoten

Einige kluge Leute haben zu Recht darauf aufmerksam gemacht, dass Gentrifikation auch positive Seiten hat und dass es in Berlin eine unsympathische und populistische Aggression gegen alles gibt, was die verbummelte Schlurfigkeit der Stadt gefährdet, einen Hass auf alles, was nach Geld und Stil aussieht - zwei Phänomene, ohne die die schönste Kunstwelt auf Dauer nicht auskommt, wenn man keine staatsfinanzierte und staatlich kontrollierte Kunst als Ziel vor Augen hat. Und natürlich ist es kindisch, ein kunstfreudiges Bürgertum als feindliche Macht anzusehen.

Als Fiktion wird nachgebaut, was verdrängt wurde

Nur ist es noch die Frage, ob die neuen Wohnanlagen, die massenhaft in den Innenstädten wachsen, architektonische Vorboten der ersehnten Rückkehr eines aufgeklärten, weltoffenen Bürgertums sind oder leider eher das, was sich Leute unter Stil vorstellen, die keinen haben - und nicht einsehen wollen, dass Stil mit bei Starck zugekauften Style so wenig zu tun hat wie Kultur mit Culture und Klassik mit Classic, sondern eher etwas mit weiterreichenden Selbstentwürfen und Lebenserfahrung.

Dieses Missverständnis ist aber symptomatisch für die Entwicklung der Innenstädte: Die neuen Bauprojekte verdrängen nicht einfach nach guter alter Gentrifizierungsart das Einfache und Provisorische durch ein wohlhabendes bürgerliches Leben. Sie zombifizieren die Stadt: Sie lassen das, was sie verdrängten - die Ateliers, die kleinen Kunsträume, das Improvisierte, Provisorische - als wertsteigerndes, belebendes Bild wiederauferstehen. Die neue Stadt baut als Fiktion nach, was sie soeben verdrängte: Der Künstler soll dem Quartier das Aroma urbaner Widerständigkeit geben, Kultur kommt als Untoter im Gewand der Culture zurück, um den Bewohner über die Sterilität hinwegzutäuschen, die mit ihm Einzug hielt.

Auch das andere große Immobilienprojekt in Berlin, die 85 Millionen Euro teuren „Kronprinzengärten“ an der Friedrichswerderschen Kirche, setzt auf die Strahlkraft der Kunst: Unter den geplanten Bauten ist neben dreißig Luxuswohnungen auch ein Galeriehaus, „ein ‚Kunsthaus‘ mit Deckenhöhen bis 4,80 Meter“ vorgesehen. Trotzdem wird man das Gefühl nicht los, dass das hier auch nur Investorenkisten sind, bei denen die Architekten wie hektische Patissiers noch ein bisschen Sahnecreme um die drögen Tortenböden geschmiert haben.

Berlin gegen Gentrifizierung: unsympathische, populistische Aggression oder begründete Angst?

Die neuen Gebäude drängeln sich mit dem Selbstbewusstsein eines betrunkenen Kneipengängers bis auf fünf Meter an ihre Nachbarin, Schinkels berühmte Kirche, heran, in der während der Bauarbeiten der Putz von der Decke krachte. Aus Sicherheitsgründen, teilte die Stiftung Preußischer Kulturbesitz mit, habe man während der Bauarbeiten nebenan sämtliche Skulpturen aus der Kirche auslagern müssen - was seine eigene metaphorische Logik hatte: Wo Culture kommt, muss Kultur einpacken.

Ungefähr auf Höhe des Kirchendachs wird es in den „Kronprinzengärten“ einen Roof-Pool geben, so dass unten entlangwandernde Mitarbeiter des Auswärtigen Amts, wenn sie nass werden, nicht davon ausgehen müssen, dass es regnet, und wenn es knallt, muss das nicht heißen, dass einer vom Dach aufs Ministerium schießt, sondern nur, dass er keinen Champagner entkorken kann.

Auch für die „Kronprinzengärten“ gibt es einen Werbefilm: Man sieht, wie eine junge Frau mit cremefarbenem Jäckchen shoppen geht, einen wolfsartig grinsenden Mann zum Mittagessen trifft und dann in die „Kronprinzengärten“ wandert, vor denen im Werbefilm sinnloserweise eine Kutsche vor der Tür steht - so, als habe die junge Frau eine Affäre mit dem soeben aufgetauten Alexander von Humboldt. Am Ende des Films verschwindet sie hinter cremefarbenen Wandbespannungen in einem Leben, das wie ein begehbarer Latte macchiato aussieht und sehr wenig mit dem Lebensstil zu tun hat, für den in Berlin etwa das großbürgerliche Haus in der Bleibtreustraße 15 steht, in dem bis 1933 der Kunsthändler Alfred Flechtheim wohnte.

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