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Anschlagsziel Toleranz : Was den Nazi und die Islamisten eint

  • -Aktualisiert am

Teilnehmer der islamkritischen Legida-Bewegung Bild: dpa

Der rechtsextreme Massenmörder und die Terroristen des „Islamischen Staats“ kämpfen gegen die bunte Gesellschaft. Sie sind Brüder. Das wurde mir klar, als ich jetzt von Anders Breivik Post bekam. Ein Gastbeitrag.

          5 Min.

          Vor ein paar Tagen lag in meinem Briefkasten ein brauner Umschlag zwischen den Zeitungen. Mein Name und meine Adresse waren mit Schreibmaschine auf ein weißes Blatt geschrieben worden, ausgeschnitten und aufgeklebt wie eine Visitenkarte. Der Umschlag kam aus Skien, einer Kleinstadt einige Stunden südlich von Oslo, in der eines der Hochsicherheitsgefängnisse des Landes liegt. Ich wusste auf den ersten Blick, von wem der Brief kam.

          Er stammt von dem verurteilten Terroristen Anders Breivik und ist der erste Brief, seit mein Buch „Einer von uns“ über ihn und seine Opfer vor zwei Jahren erschien. Das überraschte mich etwas, denn ein Forscher, der ihn interviewen sollte, erzählte mir, dass eine der Bedingungen, die der Terrorist für ein Treffen mit ihm gestellt hatte, darin bestand, dass mein Name während des Gesprächs mit dem Forscher nicht fallen dürfe.

          Der Traum vom Aufstand

          Breivik darf Besuch bekommen, sofern es keine Gesinnungsgenossen sind, aber er darf seinen Terrorkampf von der Zelle aus nicht fortführen, wie er es sich erhofft hatte. Was er verschickt, wird zensiert. Der Brief beinhaltet mehrere Passagen, die mit schwarzer Tusche durchgestrichen sind. Ob er selbst diese Abschnitte durchgestrichen hat oder die Vollzugsbehörden, weiß ich nicht.

          Der Brief ist ein weiterer Beitrag zum monomanen Kampf, den der Terrorist gegen den Islam und für das führt, was er als nordische Rasse bezeichnet. Er hat eine Partei namens „Nordischer Staat“ gegründet, in der er vorläufig das einzige Mitglied ist, so wie er vor dem 22. Juli 2011, als er in Oslo und auf der Insel Utøya 77 Menschen ermordete, auch das einzige Mitglied der „Knights Templar“ war. Im Brief beklagt er sich, keinen Kontakt zu seinen „Freunden, Unterstützern und dem Rest der Bewegung“ haben zu dürfen. Sein Traum war ja ein Aufstand, der ganz Europa erfasst, inspiriert von seinem Massaker. Er sah sich als Führer eines Verbundes militanter Nationalisten, die sich in den Gefängnissen radikalisieren sollten, um eine „konservative Revolution“ zu starten, die ein für alle Mal die Muslime aus Europa vertriebe.

          Am Abend desselben Tages kamen die Nachrichten aus Paris. Die dortigen Massenmorde wurden von Männern ausgeführt, die der perfekte Feind und ein Spiegelbild des norwegischen Terroristen sind.

          Die Nationalmannschaft als Ziel

          In Norwegen erfolgte der Angriff von innen. So war es auch in Frankreich. Fünf der Pariser Terroristen sind als französische Staatsbürger identifiziert worden. Sie töteten ihre eigenen Mitbürger, Bürger, die sie hassten und verabscheuten, nachdem sie durch den extremen Islamismus radikalisiert worden waren.

          Sie übernahmen die Hass-Ideologie des IS: Menschen sollen ausradiert werden, einige stehen über anderen, es gibt nur eine Religion. Man dehumanisiert die Opfer, nennt sie Insekten und Schädlinge. Augenzeugen zufolge sagten die Terroristen, während sie schossen, dies sei eine Rache für Frankreichs Bomben auf Syrien. Allerdings griffen sie keine Militäranlagen oder Symbole französischer Macht an. Sie griffen auch nicht Islamkritiker oder Rechtspopulisten an, so wie Breivik keinen Massenmord an denen beging, die er hasst, Muslime etwa. Hier wie dort richtete sich der Angriff gegen die Jungen, Progressiven, die Toleranten.

          Die Terroristen von Paris griffen das 11. Arrondissement an, Orte, an denen sich die Pariser an einem Freitagabend zu einem Essen oder einem Apéritif versammeln, bevor sie weiterziehen, zu einem Konzert etwa im Bataclan. Hier wohnen die „bobos“, die sowohl bohème wie bourgeois sind, und hier wohnen die Hipster-Sozialisten. Bei der letzten Wahl wurde in Paris eine Sozialistin zum Bürgermeister gewählt, von diesen Vierteln kamen auch die grünen Stimmen. Le Pen, Nationalisten und Einwanderungskritiker schlugen sich schlecht. Auch die französische Nationalmannschaft mit ihren Fans war ein perfektes Ziel. Sie ist ein gelungenes Integrationsprojekt. Die Mehrheit der Spieler hat einen anderen Hintergrund als den ethnisch französischen. Nur die Leistung zählt. Und sie ist ein Nationalsymbol mit ungeheurer Kraft.

          Polarisierung als Ziel

          Die Terrorgruppe „Islamischer Staat“ weiß, was sie will. In ihrer Publikation „Dabiq“ war zu lesen, das Ziel sei die „Auslöschung der Grauzone“. Der Kampf gegen diese Grauzone startete demzufolge mit den Angriffen am 11. September 2001. Zwei Lager seien entstanden, zwischen denen die Menschheit wählen könne: das Lager des Islams und das der Ungläubigen. Die IS-Publikation zitiert Usama Bin Ladin: „Bush sprach die Wahrheit, als er sagte: „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.“ Das heißt, entweder bist du bei den Kreuzfahrern oder beim Islam.“

          Es ist leicht für den IS, Bushs Rhetorik von der Achse des Bösen zu übernehmen, nur dass die Achse für sie andere Gebiete, andere Staaten durchläuft. Das Problem für den IS ist, was sie die Grauzone nennen. Das 11. Arrondissement in Paris ist eine solche Grauzone. Hier leben Nicht-Muslime und säkulare, moderate Muslime, die der IS für Verräter hält.

          Die Grauzone ist die Kampfzone des IS, und es gibt sie auch in Stockholm und Oslo. Man kann sie aber auch bunt nennen. In Norwegen spricht man von „det fargerike felleskapet“, der farbenreichen Gemeinschaft. Einige verwenden das wie ein Schimpfwort. Und so wie die Rechtsextremen das Bunte hassen, hasst der IS das Grau. Breivik und der IS haben dasselbe Ziel - die Polarisierung. Deshalb greifen sie funktionierende Gemeinschaften an. Die Islamgegner und der IS sind einander perfekte Feinde, deshalb greifen sie sich gegenseitig nicht an. Sie erstarken vielmehr durch den jeweils anderen und haben als Ideologie, dass wir nicht zusammenleben können. Die bunten Gesellschaften sollen ausgelöscht werden. Der IS will erreichen, dass Europa Muslime fürchtet und der Rassismus wächst. Das Kalkül: Ein größerer Anteil frustrierter, entfremdeter junger Männer würde sich der islamischen Bruderschaft anschließen. Es liegt an uns, ob dieser Plan aufgeht oder nicht.

          Was ist unsere Antwort?

          Breiviks Plan scheiterte nämlich. Seine Hoffnung bestand darin, dass seine Massenmordtat zu Angriffen gegen Nationalisten führe, die sich erhöben und zu unabhängigen Zellen würden, von ihm inspiriert. Sie würden Angriffe ausführen, die in einen Bürgerkrieg mündeten, ausgehend von - Frankreich, wo die Polarisierung am stärksten sei.

          Der gemeinsame Nenner von IS und Breiviks Idelogie ist Faschismus in Reinform. Der norwegische Terrorist wollte alle Spuren des Islams in Europa tilgen, alle Moscheen und Erinnerungsorte. Der IS rammt seine schwarze Flagge in die Brandruinen von Kirchen und jagt antike, vorislamische Stätten in die Luft. Breivik wollte Sprachen wie Arabisch, Somali, Farsi, Urdu und muslimische Namen verbieten. Der IS will ganze Volksgruppen ausradieren, Völker, die er nicht als Menschen ansieht sondern als reine Kriegsbeute wie die Yeziden. Die Liste der gemeinsamen Nenner der Extremisten ist lang. Auch der Hass auf Frauen, der übersteigerte Ehrbegriff, der Märtyrergedanke und der Durst nach Macht gehören dazu.

          In seinem Brief schreibt Anders Breivik von einer „staatlichen Zuchteinrichtung, die den Adoptionskliniken über Leihmütter einen konstanten Zugang zu hundert Prozent reinen Babys sichert, so dass Norweger nicht mehr darauf beschränkt sind, nichtnorwegische Babys zu adoptieren.“

          Der Terror in Paris sei nur der Anfang, droht der IS. Es werde neue Angriffe geben, neue unschuldige Opfer. Was ist unsere Antwort? Mehr Bomben auf Syrien? Wenn es etwas gibt, das uns der „Krieg gegen den Terror“ gelehrt hat, ist es, dass das nicht funktioniert. In Syrien gibt es nur schlechte Lösungen. Und es kann noch schlimmer werden. Auf Twitter jubeln die Dschihadisten über den Terror in Paris. Neben Szenen aus Paris posten sie Fotos mit zerfetzten syrischen Kindern - Kinder mit offenen Bäuchen, zerschlagenen Köpfen, verbrannten Körpern. Die IS-Sympathisanten rechtfertigen die Morde von Paris mit diesen Toten. Mehr Bomben bedeuten mehr zivile Opfer.

          Jetzt, da der IS in Syrien und im Irak nach den intensivierten Bombenabwürfen militärische Verluste hinnehmen muss, wird er noch mehr auf Terror setzen. Damit wir sie weiter fürchten und der Zulauf radikalisierter Jugendlicher nicht abnimmt, die zögern könnten, sich einer Organisation anzuschließen, die militärisch zurückweichen muss.

          Für uns ist der stärkste Schutz gegen Gewalt die Zugehörigkeit zu unserer offenen und vielfältigen Demokratie. Der IS fürchtet unseren Zusammenhalt mehr als Bomben. Der Angriff war nur der Anfang, sagen sie. Wir sollten dasselbe antworten: Dies ist nur der Anfang. In der Grauzone ist für alle Farben Platz.

          Aus dem Norwegischen übersetzt von Matthias Hannemann.

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