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Anschlagsziel Toleranz : Was den Nazi und die Islamisten eint

  • -Aktualisiert am

Polarisierung als Ziel

Die Terrorgruppe „Islamischer Staat“ weiß, was sie will. In ihrer Publikation „Dabiq“ war zu lesen, das Ziel sei die „Auslöschung der Grauzone“. Der Kampf gegen diese Grauzone startete demzufolge mit den Angriffen am 11. September 2001. Zwei Lager seien entstanden, zwischen denen die Menschheit wählen könne: das Lager des Islams und das der Ungläubigen. Die IS-Publikation zitiert Usama Bin Ladin: „Bush sprach die Wahrheit, als er sagte: „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.“ Das heißt, entweder bist du bei den Kreuzfahrern oder beim Islam.“

Es ist leicht für den IS, Bushs Rhetorik von der Achse des Bösen zu übernehmen, nur dass die Achse für sie andere Gebiete, andere Staaten durchläuft. Das Problem für den IS ist, was sie die Grauzone nennen. Das 11. Arrondissement in Paris ist eine solche Grauzone. Hier leben Nicht-Muslime und säkulare, moderate Muslime, die der IS für Verräter hält.

Die Grauzone ist die Kampfzone des IS, und es gibt sie auch in Stockholm und Oslo. Man kann sie aber auch bunt nennen. In Norwegen spricht man von „det fargerike felleskapet“, der farbenreichen Gemeinschaft. Einige verwenden das wie ein Schimpfwort. Und so wie die Rechtsextremen das Bunte hassen, hasst der IS das Grau. Breivik und der IS haben dasselbe Ziel - die Polarisierung. Deshalb greifen sie funktionierende Gemeinschaften an. Die Islamgegner und der IS sind einander perfekte Feinde, deshalb greifen sie sich gegenseitig nicht an. Sie erstarken vielmehr durch den jeweils anderen und haben als Ideologie, dass wir nicht zusammenleben können. Die bunten Gesellschaften sollen ausgelöscht werden. Der IS will erreichen, dass Europa Muslime fürchtet und der Rassismus wächst. Das Kalkül: Ein größerer Anteil frustrierter, entfremdeter junger Männer würde sich der islamischen Bruderschaft anschließen. Es liegt an uns, ob dieser Plan aufgeht oder nicht.

Was ist unsere Antwort?

Breiviks Plan scheiterte nämlich. Seine Hoffnung bestand darin, dass seine Massenmordtat zu Angriffen gegen Nationalisten führe, die sich erhöben und zu unabhängigen Zellen würden, von ihm inspiriert. Sie würden Angriffe ausführen, die in einen Bürgerkrieg mündeten, ausgehend von - Frankreich, wo die Polarisierung am stärksten sei.

Der gemeinsame Nenner von IS und Breiviks Idelogie ist Faschismus in Reinform. Der norwegische Terrorist wollte alle Spuren des Islams in Europa tilgen, alle Moscheen und Erinnerungsorte. Der IS rammt seine schwarze Flagge in die Brandruinen von Kirchen und jagt antike, vorislamische Stätten in die Luft. Breivik wollte Sprachen wie Arabisch, Somali, Farsi, Urdu und muslimische Namen verbieten. Der IS will ganze Volksgruppen ausradieren, Völker, die er nicht als Menschen ansieht sondern als reine Kriegsbeute wie die Yeziden. Die Liste der gemeinsamen Nenner der Extremisten ist lang. Auch der Hass auf Frauen, der übersteigerte Ehrbegriff, der Märtyrergedanke und der Durst nach Macht gehören dazu.

In seinem Brief schreibt Anders Breivik von einer „staatlichen Zuchteinrichtung, die den Adoptionskliniken über Leihmütter einen konstanten Zugang zu hundert Prozent reinen Babys sichert, so dass Norweger nicht mehr darauf beschränkt sind, nichtnorwegische Babys zu adoptieren.“

Der Terror in Paris sei nur der Anfang, droht der IS. Es werde neue Angriffe geben, neue unschuldige Opfer. Was ist unsere Antwort? Mehr Bomben auf Syrien? Wenn es etwas gibt, das uns der „Krieg gegen den Terror“ gelehrt hat, ist es, dass das nicht funktioniert. In Syrien gibt es nur schlechte Lösungen. Und es kann noch schlimmer werden. Auf Twitter jubeln die Dschihadisten über den Terror in Paris. Neben Szenen aus Paris posten sie Fotos mit zerfetzten syrischen Kindern - Kinder mit offenen Bäuchen, zerschlagenen Köpfen, verbrannten Körpern. Die IS-Sympathisanten rechtfertigen die Morde von Paris mit diesen Toten. Mehr Bomben bedeuten mehr zivile Opfer.

Jetzt, da der IS in Syrien und im Irak nach den intensivierten Bombenabwürfen militärische Verluste hinnehmen muss, wird er noch mehr auf Terror setzen. Damit wir sie weiter fürchten und der Zulauf radikalisierter Jugendlicher nicht abnimmt, die zögern könnten, sich einer Organisation anzuschließen, die militärisch zurückweichen muss.

Für uns ist der stärkste Schutz gegen Gewalt die Zugehörigkeit zu unserer offenen und vielfältigen Demokratie. Der IS fürchtet unseren Zusammenhalt mehr als Bomben. Der Angriff war nur der Anfang, sagen sie. Wir sollten dasselbe antworten: Dies ist nur der Anfang. In der Grauzone ist für alle Farben Platz.

Aus dem Norwegischen übersetzt von Matthias Hannemann.

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