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Zerstörung Nimruds : Es sind auch unsere Wurzeln

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Mit Baggern gegen Lehmziegel

Diese Feststellung schmälert keineswegs den Verlust, den Weltgemeinschaft und Wissenschaft jetzt durch den propagandistisch inszenierten Bildersturm in Mossul, Niniveh und Nimrud erlitten haben. Doch wer in diesen Tagen entsetzt und fassungslos die Auslöschung hochwertiger Bildwerke aus vorchristlicher Zeit beklagt, sollte auch erfahren, dass solche Verluste dem Land zwischen Euphrat und Tigris in den letzten beiden Jahrzehnten abertausendfach beigebracht worden sind, schleichend und weitgehend unbemerkt von der Weltöffentlichkeit.

Dort, wo im vierten Jahrtausend vor Christus Großstädte mit monumentalen Bauwerken und komplexen Sozialgefügen entstanden, wo ein überaus anpassungsfähiges, über Jahrtausende hinweg verwendetes Schriftsystem erfunden wurde, wo meisterhafte Dichtungen wie das Gilgamesch-Epos und die ältesten Erzählungen von der Sintflut aufgezeichnet wurden, wo man Astronomie, Mathematik, Rechtsgelehrsamkeit und Theologie an berühmten Akademien studierte, dort haben Bagger und anderes schweres Gerät tiefe Löcher in den Boden gegraben, haben das jahrtausendealte Mauerwerk aus Lehmziegeln durchbohrt. Sie taten dies, um etwa an Keilschrifttafeln, Rollsiegel, Schmuck oder Skulpturen zu gelangen, die sich im illegalen Handel mit Kulturgut zu Geld machen lassen. Im Altertum blühende Metropolen wie Adab, Irisagrig, Isin oder Umma sind auf diese Weise buchstäblich von der Landkarte bedeutender archäologischer Stätten getilgt worden, ihre zukünftige Erforschung durch die Zerstörung der antiken Bebauung weitgehend unmöglich gemacht.

Noch viel schwerer wiegt aber wohl die Tatsache, dass auch das irakische Wissenschaftssystem unter dem seit nunmehr 25 Jahren anhaltenden politischen Ausnahmezustand großen Schaden genommen hat. Denn es sind ja die universitären und außeruniversitären Forschungseinrichtungen des Landes, die das Wissen um den Erhalt des eigenen Kulturerbes bewahren, weiterentwickeln und vermitteln müssten - eine ganze Generation ohne Zugang zu der gemeinsamen kulturellen Vergangenheit!

Vorislamische Kultur als gemeinsamer Bezugspunkt

Was hat das mit uns zu tun? Warum sollte uns das Schicksal des irakischen Kulturerbes interessieren? Die Antwort darauf ist einfach: Im Boden und in den Museen des Irak liegen die Zeugnisse dessen, worin nahezu alle kulturhistorischen Narrative unserer Gesellschaft wurzeln. Das antike Mesopotamien gilt uns gemeinhin als Wiege der Zivilisation, als frühe Hochkultur, selbst wenn dies ein eindimensionaler, stark vereinfachender Blick auf die kulturellen Dynamiken ist, aus denen unsere Gegenwart resultiert.

Viel wichtiger aber als die Affirmation unserer eigenen kulturhistorischen Narrative ist, dass das vorislamische Kulturerbe des Irak einen geschichtlichen und kulturellen Referenzpunkt darstellt, auf den sich alle dortigen gesellschaftlichen Gruppierungen beziehen können, wenn es darum geht, eine gemeinsame Verständigungsgrundlage für die anstehenden Prozesse der gesellschaftlichen Aussöhnung und der kulturellen Identitätsbildung auszumachen. Museen wie archäologische Stätten sind Orte kollektiven Erinnerns und können als solche identitätsstiftend wirken, auch über soziale, ethnische oder konfessionelle Grenzkonstruktionen hinweg. Insofern muss es ein übergeordnetes Ziel zukünftiger kulturpolitischer Bemühungen sein, durch Maßnahmen zum Schutz vorislamischer Kulturgüter im Irak dieses Potential eines einigenden kulturellen Selbstverständnisses und der damit einhergehenden demokratischen Transformation auszubauen.

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