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Soziologe Georg Simmel : Die Sonderrolle des Fremden

Problem heutiger Migration: Der Fremde bleibt, in den eigenen Augen oder in denen der Einheimischen, der Tatsache verbunden, von anderswo hergekommen zu sein. Bild: AFP

Schärft die Mobilität des Einwanderers den Blick auf die eigene Gesellschaft? Was man von Georg Simmel, dem vor hundert Jahren gestorbenen Soziologen des Fremden, über heutige Migration lernen kann.

          Die Bewohner des Sirius sind für uns keine Fremden, denn sie stehen jenseits von fern und nah. So Georg Simmel in seiner „Soziologie“ von 1908. Fremde nämlich sind für ihn, der den ersten sozialwissenschaftlichen Text über sie geschrieben hat, Personen, die eine besondere Kombination von fern und nah darstellen. Der Fremde ist für Simmel eine Person, die „heute kommt und morgen bleibt“, die also nicht weiterzieht oder an ihren Herkunftsort zurückkehrt. Dennoch bleibt der Fremde, in den eigenen Augen oder in denen der Einheimischen, der Tatsache verbunden, von anderswo hergekommen zu sein. Im Fremden verbinden sich räumliche Nähe und soziale Ferne, denn die Einheimischen unterscheiden ihn von sich auch dann, wenn er in alle lokalen Kommunikationskreise seiner neuen Heimat eingetreten ist. Im Fremden verbinden sich aber auch räumliche Ferne und soziale Nähe, denn er scheint auch dann noch von seiner fernen Herkunft geprägt,.

          So kann es sein, um ein jüngeres Beispiel zu nehmen, dass eine Person dagegen protestiert, nur deshalb als Deutschtürke angesprochen zu werden, weil sie zwar hier geboren und aufgewachsen ist, aber ihre Eltern nicht. Weshalb also sollte hier Fremdheit ins Spiel kommen? Und zugleich teilt sie selbst eine besondere Verbundenheit zu derselben Tatsache mit, dass in ihrer Brust „zwei Herzen“ schlagen, dass sie eigene Loyalitäten zu ihrer Herkunft empfindet. Als Kultur und familiäre Tradition wird das „Von-außen-Gekommensein“ noch in Anspruch genommen.

          Gott oder fremder Stammeschef?

          In der Gesellschaftsgeschichte des Fremden ist das eine späte Ambivalenz. Lange Zeit waren in ihr die Fremden im Sinne Simmels als solche, die für wie kurze Zeit auch immer bleiben, eine Ausnahmeerscheinung. Viele Gesellschaften kannten im Grunde gar kein irdisches Außen. Sie waren sich selbst nicht eine Welt, sondern die Welt. Darum war es 1778, als James Cooks Schiffe als erste ausländische auf Hawaii landeten, den Einheimischen offenbar unklar, um was für Wesen es sich bei den Eindringlingen handelte. War Cook für sie ein Gott oder ein fremder Stammeschef? Die Ethnologen haben sich in hitzigen Debatten darüber nicht einigen können, aber auch die Kolonialgeschichte der Inka und Azteken legt nahe, dass es vielen Gesellschaften schwerfiel, Neuankömmlinge richtig einzuschätzen, weil nicht nur die konkreten Fremden unvertraut waren, sondern die Existenz von Fremdheit überhaupt.

          Später wurde Fremden eine Sonderrolle zugewiesen. Ihre Existenz wird als die von Gästen zeitlich begrenzt, als die von Leuten in Gettos räumlich, als die von Personen besonderer Berufsausübung sozial. Der Fremde kann als Sklave, als eingeheiratete Frau, als Söldner, als Student oder Künstler akzeptiert werden. Je mehr solche Sonderrollen erfunden werden, weil es nützlich erscheint, die Fremden dazubehalten, desto mehr löst sich die Unterscheidung „fremd/einheimisch“ von innen und von den Rändern her auf. Die Fremden machen Karrieren, und es wird immer anstrengender, in Form von Berufs-, Heirats- oder Siedlungsverboten auf einer Kontrolle dieser Karrieren durch die Einheimischen zu bestehen. Das heißt nicht, dass solche Versuche nicht bis heute unternommen werden. Aber sie fallen nun ihrerseits als sozial kostspielig auf. Dramatische Fälle wie die wechselseitige Behandlung von Afroamerikanern und Weißen in den Vereinigten Staaten, als seien sie einander Fremde, die sich beispielsweise nur in Ausnahmefällen heiraten, illustrieren das.

          Früh lebten Stadtbewohner in einer anderen Situation. Denn schon die ersten großen Städte in Mesopotamien sind mehrsprachige, multiethnische Siedlungen. In einer Stadt zu leben heißt bis heute, Fremdheit verschiedener Grade mehr oder weniger achselzuckend als etwas zu behandeln, das noch nicht viel besagt, weil fast für alle gilt, dass sie von außen gekommen sind, um zu bleiben. Herkunft kann in der Stadt nicht irritieren, so wie Georg Simmel ganz allgemein den Städtern eine kühle, schwer irritierbare und leicht nervbare, also an den meisten anderen desinteressierte Mentalität zugeschrieben hat. In Städten wie München, Hamburg oder Frankfurt betonen Einwohner, die dort aufgewachsen sind und für deren Eltern womöglich dasselbe gilt, diesen Umstand darum gern als Besonderheit. Je größer darum auch innerhalb von Nationalstaaten und über ihre Grenzen hinweg die Mobilität ist, desto stärker verblasst für diejenigen, die an ihr teilhaben, die Figur des Fremden. Während auf der Ebene von Nationalstaaten die Vorstellung des Dazugehörens dann vor allem deshalb fortgeführt wird, weil daraus Pflichten, Rechte und sozialstaatliche Ansprüche erwachsen, die nicht unbegrenzt sein können und oft an vorherige Einzahlungen gebunden werden, hat Dazugehören in Bezug auf Städte inzwischen gar keinen Sinn mehr.

          Städte sind keine Boote

          Mitunter werden beide Ebenen zusammengeführt, und es kommt dann entweder zu einer kulturellen Übersetzung der Grenzen des Sozialstaats, oder es wird die Gleichgültigkeit der Stadt zum Modell für das sozialpolitische Gemeinwesen erhoben. Die Schweizer Gemeinde einerseits, die das Bürgerrecht an lokales Dazugehören knüpft, und der Nationalstaat des neunzehnten Jahrhunderts andererseits, der Einwanderung unter der Bedingung akzeptierte, dass daraus kaum Versorgungspflichten entstanden, sind die bekanntesten Varianten. Es werden also entweder die selektiv erwünschten Anpassungsleistungen ganz auf die Fremden verschoben. Oder es geht die gewissermaßen urbane Indifferenz gegenüber ihrem Dasein mit einer entsprechenden sozialstaatlichen Indifferenz einher. Städte sind keine Boote. Sie haben keine Obergrenzen des Zuzugs, sie verwandeln sich durch Wachstum nur in Agglomerationen. Aber Budgets haben Obergrenzen.

          Als Georg Simmel seinen „Exkurs über den Fremden“ schrieb, gab es keinen Wohlfahrtsstaat, der dem Soziologen eine polit-ökonomische Analyse von Migration nahegelegt hätte. Für ihn war der Fremde nur als Element einer vorpolitischen Ökonomie auffällig. Der Fremde, schreibt Simmel, „ist seiner Natur nach kein Bodenbesitzer“, kein Landwirt und niemand, der seine Existenz an einen festen sozialen Punkt knüpfen kann. Prototypisch ist der Fremde ein Händler. Für Simmel, dessen Hintergrund die Erfahrung der europäischen Juden war, ging darum mit Fremdheit auch eine besondere Art des sozialen, vergleichsintensiven Beobachtens einher. Der Händler nimmt gegenüber seiner Kundschaft eine kalkulierende Perspektive ein. Er versucht, Unbekanntem und Unbekannten etwas abzugewinnen. In dem Maße, in dem der Fremde nicht nur räumliche Mobilität hinter sich, sondern auch soziale Mobilität vor sich hat, in dem Maße, in dem vieles für ihn unselbstverständlich ist und er selbst als unvertraut wahrgenommen wird, schrieb Simmel darum dem Fremden eine Art kombinatorische Objektivität zu. Fremde seien durch keinerlei Festgelegtheit, Gewohnheit, lokale Rücksichten gebunden.

          Daran fällt heute eine gewisse einseitige Betonung des Zusammenhangs von räumlicher und kognitiver Beweglichkeit auf. Es ist eine Tatsache, dass heute so gut wie niemand dort, wo er lebt, auch Urahnen anbeten kann, die ebenfalls dort lebten. Doch das hindert so wenig an der Ausbildung eines Heimatgefühls, wie Migration als solche schon mit Weltoffenheit oder in jeder Hinsicht lernbereiten Einstellungen einhergeht. Dass der Fremde zwischen einer Herkunftskultur und einer Ankunftskultur lebt, kann auch zu Kombinationen beider führen, die folkloristischen oder fundamentalistischen Charakter haben, indem sie die vermeintliche oder tatsächliche Herkunftskultur im Ankunftsland geradezu als Ressource der Abschließung verwenden.

          Dass für den Fremden die Einheimischen fremd sind, muss also nicht bedeuten, dass aus der Distanz, die er zu ihnen einnimmt, besonders aufschlussreiche Erkenntnisse hervorgehen. Der Fremde ist nicht unwillkürlich Soziologe oder wie die gebildeten Orientalen, die in den Schriften des achtzehnten Jahrhunderts den Europäern einen Spiegel vorhielten. Es kann auch sein, dass dem Migranten die Einheimischen seinerseits nur als kulturelle Zumutung erscheinen. Die madagassischsten Madagassen, hat ein Sozialanthropologe einmal formuliert, leben in New York.

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          Man kennt diese Dialektik aus der flüchtigsten Art des Migrierens und Fremdseins, dem Tourismus. Nicht schon das Anschauen fremder Verhältnisse zu Unterhaltungszwecken macht kosmopolitisch oder offen für Unvertrautes. Denn es treibt am Angeschauten nicht selten die Befremdlichkeit viel zu stark heraus und lässt darüber vergessen, wie merkwürdig man selbst ist. Dasselbe gilt für die Aversion gegen Fremde, die Simmel in seinem Exkurs nur kurz streift. Für ihn geht sie aus der Freiheit des Fremden gegenüber den lokalen Gewohnheiten hervor, „die den Fremden auch das Nahverhältnis wie aus der Vogelperspektive erleben und behandeln lässt“. Deswegen werde soziale Unruhe oft den distanzierten Fremden zugeschrieben, um die Beiträge der eigenen Gemeinschaft zu dem, was in ihr krisenhaft ist, herunterzuspielen. Die Fremden erlauben es den Einheimischen also, das Ausmaß ihrer eigenen kulturellen Homogenität (Integriertheit, Friedfertigkeit, Bildung, Abendlandwirtschaftlichkeit) zu übertreiben und umgekehrt.

          Wie viele andere Schriften des vor einhundert Jahren verstorbenen Georg Simmel, so enthält auch sein „Exkurs über den Fremden“ eine Fülle unausgeschöpfter Gedanken. Ob er von Diskretion oder Dankbarkeit, Armut oder Abenteuer, Streit oder Schmuck handelte, stets findet man in seinen Schriften eine Perspektive auf diese sozialen Sachverhalte, von der der Bonner Soziologe Rudolf Stichweh gesagt hat, sie entspreche Simmels Beschreibung solcher Fremden, „die die Gesellschaft von innen heraus so verstehen, als würde sie sie von außen beobachten“. Unter allen Klassikern der Soziologie war Simmel die geringste Wirkung vergönnt; nicht zuletzt, weil sich politisch und moralisch rein gar nichts aus seinen Gedanken machen ließ. Für eine Zeit, in der alle immer schon wissen, was politisch und moralisch richtig ist, bevor auch nur geklärt wäre, wovon geredet wird, beispielsweise von Fremden, ist Simmel gerade darum eine der nützlichsten Lektüren.

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