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Soziologe Georg Simmel : Die Sonderrolle des Fremden

Daran fällt heute eine gewisse einseitige Betonung des Zusammenhangs von räumlicher und kognitiver Beweglichkeit auf. Es ist eine Tatsache, dass heute so gut wie niemand dort, wo er lebt, auch Urahnen anbeten kann, die ebenfalls dort lebten. Doch das hindert so wenig an der Ausbildung eines Heimatgefühls, wie Migration als solche schon mit Weltoffenheit oder in jeder Hinsicht lernbereiten Einstellungen einhergeht. Dass der Fremde zwischen einer Herkunftskultur und einer Ankunftskultur lebt, kann auch zu Kombinationen beider führen, die folkloristischen oder fundamentalistischen Charakter haben, indem sie die vermeintliche oder tatsächliche Herkunftskultur im Ankunftsland geradezu als Ressource der Abschließung verwenden.

Dass für den Fremden die Einheimischen fremd sind, muss also nicht bedeuten, dass aus der Distanz, die er zu ihnen einnimmt, besonders aufschlussreiche Erkenntnisse hervorgehen. Der Fremde ist nicht unwillkürlich Soziologe oder wie die gebildeten Orientalen, die in den Schriften des achtzehnten Jahrhunderts den Europäern einen Spiegel vorhielten. Es kann auch sein, dass dem Migranten die Einheimischen seinerseits nur als kulturelle Zumutung erscheinen. Die madagassischsten Madagassen, hat ein Sozialanthropologe einmal formuliert, leben in New York.

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Man kennt diese Dialektik aus der flüchtigsten Art des Migrierens und Fremdseins, dem Tourismus. Nicht schon das Anschauen fremder Verhältnisse zu Unterhaltungszwecken macht kosmopolitisch oder offen für Unvertrautes. Denn es treibt am Angeschauten nicht selten die Befremdlichkeit viel zu stark heraus und lässt darüber vergessen, wie merkwürdig man selbst ist. Dasselbe gilt für die Aversion gegen Fremde, die Simmel in seinem Exkurs nur kurz streift. Für ihn geht sie aus der Freiheit des Fremden gegenüber den lokalen Gewohnheiten hervor, „die den Fremden auch das Nahverhältnis wie aus der Vogelperspektive erleben und behandeln lässt“. Deswegen werde soziale Unruhe oft den distanzierten Fremden zugeschrieben, um die Beiträge der eigenen Gemeinschaft zu dem, was in ihr krisenhaft ist, herunterzuspielen. Die Fremden erlauben es den Einheimischen also, das Ausmaß ihrer eigenen kulturellen Homogenität (Integriertheit, Friedfertigkeit, Bildung, Abendlandwirtschaftlichkeit) zu übertreiben und umgekehrt.

Wie viele andere Schriften des vor einhundert Jahren verstorbenen Georg Simmel, so enthält auch sein „Exkurs über den Fremden“ eine Fülle unausgeschöpfter Gedanken. Ob er von Diskretion oder Dankbarkeit, Armut oder Abenteuer, Streit oder Schmuck handelte, stets findet man in seinen Schriften eine Perspektive auf diese sozialen Sachverhalte, von der der Bonner Soziologe Rudolf Stichweh gesagt hat, sie entspreche Simmels Beschreibung solcher Fremden, „die die Gesellschaft von innen heraus so verstehen, als würde sie sie von außen beobachten“. Unter allen Klassikern der Soziologie war Simmel die geringste Wirkung vergönnt; nicht zuletzt, weil sich politisch und moralisch rein gar nichts aus seinen Gedanken machen ließ. Für eine Zeit, in der alle immer schon wissen, was politisch und moralisch richtig ist, bevor auch nur geklärt wäre, wovon geredet wird, beispielsweise von Fremden, ist Simmel gerade darum eine der nützlichsten Lektüren.

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