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Soziologe Georg Simmel : Die Sonderrolle des Fremden

Früh lebten Stadtbewohner in einer anderen Situation. Denn schon die ersten großen Städte in Mesopotamien sind mehrsprachige, multiethnische Siedlungen. In einer Stadt zu leben heißt bis heute, Fremdheit verschiedener Grade mehr oder weniger achselzuckend als etwas zu behandeln, das noch nicht viel besagt, weil fast für alle gilt, dass sie von außen gekommen sind, um zu bleiben. Herkunft kann in der Stadt nicht irritieren, so wie Georg Simmel ganz allgemein den Städtern eine kühle, schwer irritierbare und leicht nervbare, also an den meisten anderen desinteressierte Mentalität zugeschrieben hat. In Städten wie München, Hamburg oder Frankfurt betonen Einwohner, die dort aufgewachsen sind und für deren Eltern womöglich dasselbe gilt, diesen Umstand darum gern als Besonderheit. Je größer darum auch innerhalb von Nationalstaaten und über ihre Grenzen hinweg die Mobilität ist, desto stärker verblasst für diejenigen, die an ihr teilhaben, die Figur des Fremden. Während auf der Ebene von Nationalstaaten die Vorstellung des Dazugehörens dann vor allem deshalb fortgeführt wird, weil daraus Pflichten, Rechte und sozialstaatliche Ansprüche erwachsen, die nicht unbegrenzt sein können und oft an vorherige Einzahlungen gebunden werden, hat Dazugehören in Bezug auf Städte inzwischen gar keinen Sinn mehr.

Städte sind keine Boote

Mitunter werden beide Ebenen zusammengeführt, und es kommt dann entweder zu einer kulturellen Übersetzung der Grenzen des Sozialstaats, oder es wird die Gleichgültigkeit der Stadt zum Modell für das sozialpolitische Gemeinwesen erhoben. Die Schweizer Gemeinde einerseits, die das Bürgerrecht an lokales Dazugehören knüpft, und der Nationalstaat des neunzehnten Jahrhunderts andererseits, der Einwanderung unter der Bedingung akzeptierte, dass daraus kaum Versorgungspflichten entstanden, sind die bekanntesten Varianten. Es werden also entweder die selektiv erwünschten Anpassungsleistungen ganz auf die Fremden verschoben. Oder es geht die gewissermaßen urbane Indifferenz gegenüber ihrem Dasein mit einer entsprechenden sozialstaatlichen Indifferenz einher. Städte sind keine Boote. Sie haben keine Obergrenzen des Zuzugs, sie verwandeln sich durch Wachstum nur in Agglomerationen. Aber Budgets haben Obergrenzen.

Als Georg Simmel seinen „Exkurs über den Fremden“ schrieb, gab es keinen Wohlfahrtsstaat, der dem Soziologen eine polit-ökonomische Analyse von Migration nahegelegt hätte. Für ihn war der Fremde nur als Element einer vorpolitischen Ökonomie auffällig. Der Fremde, schreibt Simmel, „ist seiner Natur nach kein Bodenbesitzer“, kein Landwirt und niemand, der seine Existenz an einen festen sozialen Punkt knüpfen kann. Prototypisch ist der Fremde ein Händler. Für Simmel, dessen Hintergrund die Erfahrung der europäischen Juden war, ging darum mit Fremdheit auch eine besondere Art des sozialen, vergleichsintensiven Beobachtens einher. Der Händler nimmt gegenüber seiner Kundschaft eine kalkulierende Perspektive ein. Er versucht, Unbekanntem und Unbekannten etwas abzugewinnen. In dem Maße, in dem der Fremde nicht nur räumliche Mobilität hinter sich, sondern auch soziale Mobilität vor sich hat, in dem Maße, in dem vieles für ihn unselbstverständlich ist und er selbst als unvertraut wahrgenommen wird, schrieb Simmel darum dem Fremden eine Art kombinatorische Objektivität zu. Fremde seien durch keinerlei Festgelegtheit, Gewohnheit, lokale Rücksichten gebunden.

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