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Karikaturen in Frankreich : Gradmesser der Aufklärung

Ließ sich gern mit erhobener Faust fotografieren: „Charlie Hebdo“-Chefredakteur Stéphane „Charb“ Charbonnier Bild: AFP

Mit den Morden an der Redaktion von „Charlie Hebdo“ sollte nach dem Willen der Attentäter die Zeitschrift beerdigt werden. Bedroht ist aber noch viel mehr: eine ganze Kunstform und unser Selbstverständnis.

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          Das, was mit einem großen Prozess in Paris am 14.November 1831 begonnen hatte, wollten drei Männer am 7.Januar 2015 mit kurzem Prozess in Paris beenden: die Geschichte der französischen Karikatur. Nicht, dass es vor 1831 keine gegeben hätte, aber erst ein damals fünfundzwanzigjähriger gelernter Buntpapiermacher namens Charles Philipon nahm die Witzzeichnung ernst. Oder besser: Seine Witzzeichnungen wurden ernst genommen, so ernst, dass er an jenem Novembertag wegen Majestätsbeleidigung vor Gericht stand. Und sich dafür beglückwünschen konnte, dass der französische Monarch, dessen Würde da geschützt werden sollte, seit der Julirevolution von 1830 Louis-Philippe hieß und sich als „Bürgerkönig“ gerierte, der doch die von seinen Vorgängern eingeschränkte Pressefreiheit wiederhergestellt hatte. Das hatte Philipon mit einer seinerzeit von ihm begründeten Satirezeitschrift auf die Probe gestellt. Er machte die Karikatur zu dem, was sie seitdem ist: ein Gradmesser der Aufklärung. Der Name seines Blattes war banal und Programm zugleich: „La Caricature“.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Auf Geist, Witz und Können ihres zeichnenden Herausgebers und seines engsten Mitarbeiters Honoré Daumier gründet bis heute das Selbstverständnis aller Karikaturisten – weltweit, aber vor allem in Frankreich. Kein Land hat seitdem eine vergleichbare Karikaturenlandschaft hervorgebracht, und es war dieses Erbe, auf das sich alle Zeichner dort immer wieder berufen haben, auch Georges Wolinski, einer der vier Karikaturisten von „Charlie Hebdo“, die vorgestern ermordet wurden. Im größten Interview, das er über seine Arbeit gab, 2006 in der zwölften Ausgabe des französischen Comicjahrbuchs „Neuvième Art“, zog er die Traditionslinie zurück bis zu Daumier und streifte dabei Steinlein, Caran d’Ache, Jossot, Dubout, Bosc und natürlich seinen Freund Jean-Marc Reiser. Mit dem zusammen hatte er in den frühen sechziger Jahren für „Hara-Kiri“ gearbeitet, eine monatliche Satirezeitschrift, die wegen ihres großen Erfolgs 1969 einen wöchentlichen Ableger gründete, in dem es noch wilder, weil noch aktueller zuging. Dieses „Hara-Kiri Hebdo“ wurde 1970 wegen seiner Witze über den Tod von Charles de Gaulle, den ehemaligen Staatspräsidenten und Begründer der Fünften Republik, verboten. Das Verbot nahmen einige Zeichner, darunter Wolinski, zum Anlass, eine neue Zeitschrift zu gründen: „Charlie Hebdo“.

          Das Presserecht, redaktionelle Verantwortlichkeit

          So zieht sich die Zeichen- und Zeichnerlinie von 1831 bis 2015. Alle ihre Karikaturisten bezogen offen und prinzipiell Stellung gegen die jeweils herrschenden Souveräne. Das hatten ihre großen englischen Vorläufer Rowlandson, Gillray und Cruikshank nur bisweilen gewagt. Deren berühmteste Blätter legten sich vor allem gern mit den Feinden Großbritanniens an, bisweilen auch mit einzelnen Exzessen der Regierung, aber der König selbst war tabu. Damit brach erst Philipons „Caricature“ in Frankreich, und die Toleranz des „Bürgerkönigs“ war schon nach einem Jahr erschöpft. Erst wurde Daumier angeklagt, kam aber noch mit einem halben Jahr Gefängnis auf Bewährung davon, dann überlegten es sich Louis-Philippes Ankläger und machten Philipon als Herausgeber haftbar, obwohl er das inkriminierte Zerrbild Louis-Philippes gar nicht selbst gezeichnet hatte. Dadurch änderte sich das Presserecht, redaktionelle Verantwortlichkeit war geboren.

          Auch das durchzieht die Geschichte der Karikatur: Repressionsversuche gegen alle irgendwie Beteiligten. In Paris starben vorgestern vier Zeichner, aber mit ihnen auch Polizisten, Pförtner, Redaktionsmitarbeiter. Selbstgerechtigkeit weiß Lachen nur durch Terror zu bekämpfen.

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