https://www.faz.net/-gqz-8jel4

Anschlag von Nizza : Und alle zücken ihre Handys

Gedenken: Am Tag nach dem Anschlag auf der Promenade des Anglais in Nizza. Bild: dpa

Jeden Augenblick auf einen Terroranschlag gefasst zu sein, bedeutet für viele offenbar, schnell zum Smartphone zu greifen und zu filmen. Das Video von Richard Gutjahr in der ARD wirft dazu ein paar Fragen auf.

          Während Maybrit Illner am Donnerstagabend im Zweiten in Überlänge darüber diskutieren ließ, was von Europa ohne die Briten bleibt, ging über den Nachrichtenticker, was Europa in seinen Grundfesten bedroht: islamistischer Terror, dieses Mal ausgeübt in Nizza, von einem einunddreißig Jahre alten Franko-Tunesier, der sich einen Lastwagen lieh, um mit diesem auf der Strandpromenade so viele Menschen zu Tode zu fahren wie möglich.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Wie er zu seiner mörderischen Fahrt ansetzte, war im „Nachtmagazin“ der ARD zu sehen. Der Journalist Richard Gutjahr hatte das Auftauchen das Lastwagens mit seinem Handy gefilmt. Während er in die Sendung geschaltet war und im Gespräch mit der Moderatorin Gabi Bauer seinen Augenzeugenbericht ablieferte, lief im Hintergrund sein Handy-Video gleich mehrmals. Solche Aufnahmen gab es auch auf anderen Sendern, von n-tv bis France 24, doch zeigten diese in Panik flüchtende Menschen, im „Nachtmagazin“ und bei Gutjahr hingegen gab es zuerst den Lastwagen zu sehen, wie er in die Menschen rast und dann die auf der Straße liegenden Leichen.

          Jeder will Reporter sein

          Das Video läuft online inzwischen nicht nur bei der ARD. Es zeigt den Terror, live aufgenommen, quälende zwei Minuten lang. Es zeigt, dass man sich gegen solche Anschläge nicht schützen kann. Es zeigt abermals, was Islamisten im Sinn haben - wahllos massenhaft zu morden und die freie, offene Gesellschaft so zu ängstigen, dass sich die Menschen nicht mehr auf die Straße trauen. Doch selbst zu Hause sind wir nicht mehr sicher, das hat der Doppelmord von Mangnanville gezeigt, bei dem ein Islamist ein Polizistenpaar vor und in dessen Wohnung ums Leben brachte.

          All das liegt in den Bildern, die das „Nachtmagazin“ hatte, die aber noch etwas anderes zeigen: Lauter Menschen, die ihre Handys zücken und - wie Richard Gutjahr auch - den Horror filmen, sich um dessen Opfer aber nicht kümmern, selbst wenn sie vor ihren Füßen liegen. Auch das sehen wir im „Nachtmagazin“, das sich schon die Frage gefallen lassen muss, ob es mit den Aufnahmen des Massenmords - Gutjahr filmte zum Glück aus einiger Entfernung -, nicht genau jenen Schritt zu weit Richtung Sensationalismus gegangen ist, gegen den sich öffentlich-rechtliche Nachrichtenmacher so gerne verwahren.

          Richard Gutjahr, bei dem derlei Kritik anbrandete, twitterte, er habe sein „Footage an BR/WDR/ARD geschickt. Dort sitzen Profis“. Für seine vielen Twitter-Kumpels war der Fall damit erledigt: professionell gemacht, Kopf hoch. Die „Profis“ vom SWR dankten ihm für die „professionelle Arbeit“. Der von ihm daran angeheftete, ältere Tweet mit einem Witz von einem Frisör und einem Journalisten ist wohl auch nur was für Profis, die sich ihrer Façon so selbstsicher sind wie die Kollegen der ARD.

          Weitere Themen

          Netanjahus schlimmer Abend

          Vor Parlamentswahl in Israel : Netanjahus schlimmer Abend

          Israels Ministerpräsident muss sich vor einem Raketenangriff in Sicherheit bringen, während in Amerika sein Vertrauter John Bolton gehen muss. Die letzte Wahlkampfwoche beginnt für Benjamin Netanjahu katastrophal.

          „Ich kann nicht schweigen“

          Türkischer Protestrap : „Ich kann nicht schweigen“

          Die Türkei diskutiert über einen Rapsong, der von Missständen im Land handelt. Das Musikvideo zu „Susamam“ wurde schon über 20 Millionen Mal aufgerufen – auch von Mitgliedern der türkischen Regierung.

          Topmeldungen

          Der Niederländer Ben van Beurden, Jahrgang 1958, ist seit 2014 Vorstandsvorsitzender des Ölkonzerns Shell.

          Konzernchef im Gespräch : „Shell muss sich ändern“

          Ben van Beurden, der Chef von Europas größtem Ölkonzern, spricht im Interview über den Umstieg auf erneuerbare Energien, Heuchelei an der Börse und den brennenden Regenwald.
          Der britische Premierminister Boris Johnson vergleicht sich selbst mit dem „unglaublichen Hulk“, der sich aus seinen Fesseln befreit.

          Brexit um jeden Preis : Der wütende Hulk

          Großbritannien werde sich aus seinen „Fesseln“ befreien wie die ultra-starke Comicfigur, wenn es bis 31. Oktober keinen Brexit-Deal gebe, erklärt Johnson. Auch gegen die Anordnung des Parlaments. Vor neuen Gesprächen mit der EU zeigt er sich dennoch „sehr zuversichtlich.“
          Aktivisten der Gruppierung „Extinction Rebellion“ schütten während der Hamburg Cruise Days eine rote Flüssigkeit, die Blut darstellen soll, auf die Treppen.

          Weltweite Klimademonstrationen : Nach dem Protest ist vor dem Protest

          Aktivisten planen einen weltweiten „Klimastreik“, in Deutschland soll in Hunderten Städten demonstriert werden. Die Gruppe „Extinction Rebellion“ will mit Mitteln des zivilen Ungehorsams auf die Folgen des Klimawandels aufmerksam machen.
          Joachim Wundrak im Jahr 2014 neben der damaligen Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen.

          AfD-Mitgliedschaft : Wie ein General nach rechts abbog

          Joachim Wundrak war im Führungsstab der Bundeswehr und CDU-Mitglied. Inzwischen zetert er gegen Merkel und Europa. Von Rechtsextremisten in der AfD will er nichts wissen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.