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Molotow-Ribbentrop-Pakt : Wir müssen uns vor den Demokratien schämen

Die polnische Beute wird geteilt: Wehrmachtsoldaten und Rotarmisten an der Grenze zwischen dem Deutschland unterstellten Generalgouvernement und der Sowjetunion. Bild: epd-bild / Keystone

Sowjetische Geheimdienstler erforschten vor achtzig Jahren die Meinung der Bevölkerung. Jetzt veröffentlichte Dokumente zeigen eine erstaunliche Weitsicht vieler damals Befragter.

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          Achtzig Jahre nach dem Abschluss des Molotow-Ribbentrop-Paktes und dem Beginn des deutschen Einmarsches in Polen zeigen ehemals geheime Dokumente des sowjetischen Staatssicherheitsdienstes NKWD, dass ein großer Teil der Menschen in der Sowjetukraine seinerzeit verstand, dass Hitler vor allem freie Hand für seine Kriege in Europa haben wollte, um später die Sowjetunion zu überfallen. Bei den Akten handelt es sich um „spezielle Mitteilungen“ von Geheimdienstmitarbeitern über die Stimmung in der Bevölkerung, wie sie in vielen Regionen der Sowjetunion für die politische Führung gesammelt wurden, die in der Ukraine aber heute öffentlich zugänglich sind. Der Petersburger Archivforscher Konstantin Boguslawski hat sie in Kiew gefunden und nun im Sender „Radio Svoboda“ vorgestellt.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Wie man erwarten würde, gaben sich viele Sowjetukrainer, die erst unlängst den Großen Terror erlebt hatten, staatstreu und begeistert von dem, was sie als klugen diplomatischen Schachzug ihrer Regierung zur Abwehr der Kriegsgefahr bezeichneten. Ein Chemiker der Akademie der Wissenschaften lobte die „Geschmeidigkeit“ der Regierungspolitik, sein Kollege beschrieb die Stimmung im Land als deutlich aufgehellt. Auch Studenten der Kiewer Staatsuniversität begrüßten die „Schläue“ der sowjetischen Führung und ihr sichtlich gewachsenes internationales Gewicht.

          Doch der Forscher an der Akademie der Wissenschaften Pjotr Pustochod entrüstete sich darüber, dass die Faschisten zu Freunden seines Landes geworden waren und die demokratischen Länder fast zu Feinden. Der Professor Andrej Jaroschewitsch befand, die europäischen Klagen über einen „roten Faschismus“ in der Sowjetunion würden durch den Pakt bestätigt. Vor allem da Hitler in Polen einmarschiert sei, was er ohne das Abkommen mit Stalin niemals gewagt hätte, müsse man sich vor den Demokratien der Welt schämen, weil die Sowjetunion dafür grünes Licht gegeben habe, so Jaroschewitsch. Ein Mitarbeiter im Landwirtschaftsministerium namens Balandowitsch gab sich angesichts des Überfalls sogar gewiss, dass zum Pakt ein geheimes Zusatzabkommen über die Aufteilung Polens gehöre – noch bevor diese Aufteilung dann wirklich vollzogen wurde. Darüber, so Balandowitsch, werde in der Bevölkerung viel geredet. Der Bergbauingenieur Olenew prophezeite zudem die baldige Niederlage Frankreichs gegen Hitler, an der die Sowjetunion dann schuld sein werde.

          Unter den Stimmen, die der Geheimdienst zusammentrug, sind etliche Regimegegner, etwa die eines ukrainischen Nationalisten, der die sowjetische Großmachtpolitik tadelt, oder der Ehefrau eines verhafteten Schriftstellers, die damit rechnete, dass ukrainische Rohstoffe nun vor allem Deutschland zugutekommen würden. Den Geheimdienstmitarbeitern dienten solche Kommentare auch als Beweis ihrer eigenen Nützlichkeit.

          Zugleich staunt man, wie klar selbst einige Dorfbewohner die politische Lage verstanden. Etwa jener Grigori Rogasjuk aus einem westukrainischen Dorf, der die List „dieses Hitler“ bewunderte. Er habe mit Stalin ein Abkommen geschlossen, um andere Länder zu besiegen, so Rogasjuk, und die Sowjets würden stumm dasitzen und gucken. Doch Hitler habe schon Pläne für die Sowjetunion.

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