https://www.faz.net/-gqz-82jex

Träger der Apple Watch : Wir werden alle Stehaufmännchen

Ein anschmiegsames Gerät mit zweifelhaften Funktionen: die Apple Watch Bild: Reuters

Stillsitzen unerwünscht und vor allem auch unbelohnt: An diesem Freitag liefert Apple seine Armbanduhr aus, die all das verabschieden soll, was die Kultur uns ermöglicht hat.

          4 Min.

          Während Facebook und Google vor allem durch Vernetzung und die Missachtung unserer Privatsphäre neue soziale Standards gesetzt haben, hat der Hardware-Spezialist Apple durch die Eingängigkeit seiner Produkte die Art und Weise verändert, wie wir uns bewegen und unseren Tag gestalten. Der letzte Blick vor dem Einschlafen gehört heute oft dem iPhone oder einem seiner Nachfolger - und der erste nach dem Erwachen tut es auch. Das iPad wurde zu dem Zweck entworfen, dass sich der Nutzer auf Polstern im Betrachten von Information und Entertainment verliert.

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Bei Apples neuestem Gerät, der Apple Watch, die von diesem Freitag an den ersten Vorbestellern ausgeliefert wird, ändert sich jetzt die Richtung. Sie ist zwar ebenfalls ein besonders anschmiegsames Gerät, hat aber etwas ganz anderes mit uns vor. Während die Menschheit bis in das Jahr 2015 hinein immer sesshafter geworden ist - Motto: Was ich im Internet und auf der Festplatte habe, muss ich nicht in den Beinen haben -, verbindet dieses neue Gerät den Minicomputer mit dem Fitnessarmband und ist dazu bestimmt, uns, so oft es geht, vom Sitzen abzuhalten. In der firmeneigenen Produktwerbung hört sich das so an: „Die Apple Watch hilft dir, weniger zu sitzen. Sie spürt, wenn du aufstehst und dich etwas bewegst - und rechnet dir das an.“ Was wir ihr unsererseits hoch anrechnen sollen.

          Die Stunde der Stehcomputer

          Die sogenannte „Activity App“ unterscheidet mit Hilfe der vielen Sensoren, die sich in der Uhr befinden, nach den Aktivitätszuständen „Bewegen“, „Trainieren“ und „Stehen“. Das ausgegebene Ziel lautet, Ringe, die sich auf dem Display aufbauen, jeden Tag zu schließen, was nur gelingt, wenn man bestimmte Vorgaben erfüllt, an die einen die Uhr regelmäßig erinnert. Tag für Tag, alles geht im Uhrzeigersinn.

          So sehen Uhren aus, die uns das bieten, was zählt: Zeit. Blick in das Uhrwerk einer Lavina-Taschenuhr aus den fünfziger Jahren
          So sehen Uhren aus, die uns das bieten, was zählt: Zeit. Blick in das Uhrwerk einer Lavina-Taschenuhr aus den fünfziger Jahren : Bild: www.fotex.de

          Im Grunde ist das der reine Hohn. Da unterlassen die Digitalunternehmer über Jahre hinweg nichts, um den Menschen an die Sitzposition zu gewöhnen. Und kaum ist der Markt der Sitzcomputer gesättigt, wird plötzlich die rechtwinklige Haltung verteufelt und auf der Grundlage sehr naheliegenden Gesundheitswissens die Stunde der Stehcomputer ausgerufen. Zuerst kam Google Glass, das wegen seiner provokativen Kopfkamera im öffentlichen Raum als gescheitert gilt, und jetzt kommt die iWatch, die nach einer verbreiteten Schätzung schon mehr als zwei Millionen Mal bestellt worden sein soll und uns gründlicher überwachen wird als irgendein Computer zuvor.

          Endlich ist sie da! : Verkauf der Apple Watch startet ruhiger als erwartet

          Der Weg, das Ziel

          Die intendierte Haltungskorrektur ist dabei für die kultivierte Menschheit keine Kleinigkeit. Mehrere Jahrtausende hat sie gebraucht, um sich endlich auf massengefertigten Stühlen, dem kleinen Thron für jedermann, niederlassen zu können. Noch in der Antike war das Sitzen keine mehrheitsfähige Option: Immer, wenn Odysseus saß, am Strand der Kalypso etwa, saß er in der Falle. Aristoteles hat am liebsten im Gehen philosophiert, Platons Höhlengleichnis kann man auch als frühe Warnung vor der Herumsitzerei lesen. Im Mittelalter ist die Epik vor allem von der einen Lehre beseelt: Nur nicht „verlegen“ soll sich der Ritter im Bett seiner Angebeteten, sondern öfter mal auf Abenteuerfahrt gehen.

          In der vom Mittelalter inspirierten Erfolgsserie „Game of Thrones“ kann man diesen Geist in fast jeder Szene spüren: Der Eisenthron, um den sich alles dreht, ist meistens leer, und setzt sich mal jemand darauf, sind seine Tage so gut wie gezählt. Alle sind gut auf den Beinen, der Weg ist das Ziel.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          „Querdenker“-Demonstration in Stuttgart

          Corona-Klagen : Das Geschäft mit den Maskenmuffeln

          Verbraucheranwälte haben eine neue Goldgrube entdeckt: Mit Verfahren gegen Masken- und Testpflicht an Schulen lässt sich ordentlich Kasse machen.
          Auch vor der Kulisse des Bodensees sollte man seine Altersvorsorge nicht komplett vergessen.

          „Gender Pension Gap“ : Im Alter kommt das böse Erwachen

          Die Lücke im Alterseinkommen zwischen Frauen und Männern hat vielfältige Gründe. Doch vielen Frauen ist das Problem gar nicht bekannt. Dabei sind gerade sie davon betroffen.
          Brennpunkt mit viel Zuwanderung: Eine Hochhaussiedlung in Bremen (Archivbild von September 2011)

          Falsche Väter : Perfides Geschäft mit schwangeren Frauen?

          In Bremen beantragen immer mehr schwangere Frauen aus Afrika Sozialleistungen. Sie geben an, der Kindsvater sei deutscher Staatsbürger. Steckt dahinter organisierte Kriminalität?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.