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Antisemitismus in Deutschland : In der Mitte wird es eng

Die Folgen von Hass, Enthemmung und Verrohung: Bürger in Halle trauern um die Opfer des antisemitischen Anschlags vom 9. Oktober. Bild: Daniel Pilar

Hass, digitaler Terror und die Suche nach einer schuldigen Partei: Was der Anschlag in Halle für die Demokratie bedeutet.

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          Man möchte den Blick abwenden und den Ton abdrehen, wenn man wieder und wieder die Nachrichten über den Anschlag von Halle sieht: Hass, der in Bildern greifbar wird und sich dem Verstand doch entzieht. Ein junger Mann will einen Terroranschlag in der Synagoge verüben, schafft es nicht, weil die Tür verriegelt ist, erschießt daraufhin eine vorbeilaufende Frau, adressiert seinen Hass kurzerhand um, entdeckt in einer Dönerbude das nächste Feindbild und schießt einfach los. Zwei Tote, zwei Verletzte. Und es hätte noch viel schlimmer ausgehen können.

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Angst, Schrecken und Terror beherrschen die Schlagzeilen, der Antisemitismus schlägt hohe Wellen und bleibt ein Problem in diesem Land. „Es wird dunkel in Deutschland“, glaubt „Die Welt“, es sei „Ein Tag der Schande für Deutschland“, schreibt die „Bild-Zeitung“, „Jom Kippur in Angst“, titelt die „Tageszeitung“. Soziale Netzwerke verstärken das Bedürfnis nach einer sofortigen politischen Einordnung. Digitale Mediennutzer erwarten eine schnelle Kommentierung der Geschehnisse, um dieser Kommentierung zuzustimmen oder sie abzulehnen – Hauptsache, man kann sich unverzüglich, und hier genügen schon ein paar Stichwörter, aufgebracht und emotionalisiert eine Meinung bilden.

          Jan Böhmermann glaubte sofort zu wissen, welche satirische Kritik hier angebracht ist: „Einzeltäter since 1933“, schrieb er noch am selben Tag auf Twitter und wollte seinen Followern damit sagen, dass es sich bei dieser Tat in diesem Land mitnichten um einen bloßen Einzelfall handle. Andere Kommentatoren und auch Politiker aus SPD und Union sehen sich darin bestätigt, dass der Keim des Übels in der AfD liegt, die den Weg freimache für rechtsradikale Gewalttaten, weil sie selbst eine Partei der Rechtsextremisten sei. Wieder andere konzentrieren sich auf die Stadt Halle im Bundesland Sachsen-Anhalt – schließlich haben sie ja schon immer gewusst, dass der Rechtsextremismus etwas genuin Ostdeutsches und der Nationalsozialismus im Osten der Republik eigentlich nie richtig ausgerottet worden sei.

          Es fehlen saubere Analysen

          Weniger erwünscht ist in einer solchen Diskurssituation, deren Ambiguitätstoleranz zunehmend schwindet: abzuwarten, zuzuhören, sich Zeit für eine Analyse zu nehmen. Dabei gäbe es in unserer Gesellschaft dafür Raum. Es zweifelt in der Öffentlichkeit niemand an, dass diese Tat zutiefst erschreckend ist und aufs Schärfste verurteilt werden muss. Das ist der moralische Konsens unserer Demokratie, der es uns erlauben könnte, in der Analyse sauber zu bleiben und nicht alles in einen Topf zu werfen.

          Eindrücklich sind die Worte von Michel Friedman, Publizist und ehemals stellvertretender Vorsitzender des Zentralrats der Juden. Der Anschlag auf die Synagoge sei ein Anschlag auf die Demokratie, sagte er im ZDF-„Morgenmagazin“. Der Judenhass und Menschenhass habe eine politische Heimat in der größten Oppositionspartei gefunden – mithin in der AfD. Friedman wirft ihr „geistige Brandstiftung“ vor. Die AfD sei eine politisch zerstörende und demokratiefeindliche Partei, deren Wähler ihre Hände nicht mehr in Unschuld waschen könnten.

          Das klingt alarmierend, verkürzt aber den Sachverhalt: Vor einer rechtsextremen Bedrohung zu warnen ist nach einem solchen Anschlag naheliegend, und doch macht es sich zu einfach, wer von ihr geradewegs auf die Macht einer einzelnen Partei schließt. Weder ist es angebracht, das politische Profil der AfD zu verharmlosen, noch überzeugt es, sie als einzig Schuldigen für eine Entwicklung zu brandmarken, die ein gesamtgesellschaftliches Problem darstellt: das Zurückdrängen der gesellschaftlichen Mitte.

          Eine neue Dimension des Hasses

          Richtig ist, dass es eine neue Dimension des Hasses gibt, eine Verrohung und Enthemmung, die einmal Randphänome waren und jetzt mitten in der Gesellschaft angekommen sind. Und trotzdem entziehen sich Vertreter der bürgerlichen Mitte der eigenen Verantwortung, wenn sie wie etwa Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) die schiere Existenz der AfD ins Feld führen, um die Anschläge eines rechtsextremistischen Gewalttäters zu erklären (welche die AfD, wohlgemerkt, wie alle anderen Parteien auch als extremistisch und antisemitisch verurteilt).

          Der Täter von Halle zog sich eine Kampfausrüstung an und installierte eine Kamera an seinem Helm, mit der er seine Taten live im Internet gestreamt hat. Nicht nur rechtsextremes Denken, auch das Ausmaß und die Reichweite von Brutalität erhalten auf diese Weise eine neue Qualität: Terror wird digitalisiert. Die Hemmschwelle sinkt weiter. An dieser bedrohlichen Diskurssituation etwas zu ändern sind alle Vertreter des politischen Spektrums gefordert und nicht bloß eine Partei der Neuen Rechten, die von den Versäumnissen der bürgerlichen Mitte profitiert. Darin liegt die eigentliche Herausforderung für unsere Demokratie.

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