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Jelzin-Center in Jekaterinburg : Bremst den Niedergang!

Jewgeni Roisman Bild: dpa

Im Vergleich mit dem Rest Russlands scheinen die Gedanken in Jekaterinburg freier zu sein. Ein Grund dafür ist auch das Bildungszentrum Jelzin-Center.

          3 Min.

          Der bekannteste Dissident von Jekaterinburg, ehemals Bürgermeister und bis heute der wohl beliebteste Bürger der bedeutendsten russischen Industriestadt, Jewgeni Roisman, empfängt uns mit einer klaren Aussage auf seinem blauen T-Shirt: „Finstere Zeiten währen nicht ewig“ (Tjomnye wremena ne nawsegda), steht auf der durchtrainierten Brust des 58 Jahre alten Schriftstellers, Kulturhistorikers, Unternehmers, den, wie er erklärt, die Umstände gezwungen haben, Politiker zu werden.

          Kerstin Holm
          Redakteurin im Feuilleton.

          Roisman, der oft im liberalen Radiosender „Echo Moskwy“ auftritt, einen Youtube-Kanal führt und mit seinem Wohltätigkeitsfonds und seinen Verbindungen Menschen in Notsituationen hilft, sollte im vorigen Monat für neun Tage ins Gefängnis, weil er an Solidaritätskundgebungen für Alexej Nawalnyj teilgenommen hatte. Nach 24 Stunden wurde er auf freien Fuß gesetzt, offenbar um eine lokale Solidaritätswelle für ihn zu vermeiden. In der Haft saß er jedoch gemeinsam mit anderen engagierten und vollkommen unschuldigen Bürgern ein, berichtet Roisman, darunter solchen, denen er bei Vorträgen in Schulen einst ins Gewissen geredet habe, unbedingt im Land zu bleiben, um an der Verbesserung der Verhältnisse mitzuwirken. Daher würde er heute anders reden müssen, sagt der Patriot, den es schmerzt, dass die Jungen und Aktiven ihre Heimat verlassen, und der etwa Hochschulabsolventen empfiehlt zu emigrieren, solange sie das noch könnten.

          Sweatshirt mit der Aufschrift „Freiheit für Nawalnyj“

          In Jekaterinburg herrscht ein im Vergleich mit anderen Landesteilen freier Geist. Auch dank des Russlands erstem Präsidenten gewidmeten Jelzin-Centers, das derzeit eine historische Ausstellung über den Zweiten Weltkrieg zeigt mit Dokumenten, aus denen hervorgeht, dass Stalin befreite sowjetische Kriegsgefangene dem Staatssicherheitsdienst NKWD zum Einsatz nach Gutdünken, gern auch für Himmelfahrtskommandos, überließ, und eine Schau über Andrej Sacharow, der im vorigen Monat hundert Jahre alt geworden wäre. Der Physiker und Menschenrechtler warnte schon in später Sowjetzeit vor einem zivilisatorischen Niedergang infolge von Konsumegoismus, lernt man dort, und forderte für Russland eine Dezentralisierung der Macht, weil sonst Unterdrückung und eine Vertrauenskrise unvermeidlich wären.

          Das Jelzin-Center veranstaltete außerdem dieser Tage das Forum „Worte und Musik der Freiheit“, auf dem liberale Starintellektuelle zumal aus Moskau mit einem studentischen Publikum diskutierten. Er befürchte, dass dies zum letzten Mal habe stattfinden können, gesteht Roisman, der zugleich betont, für ihn komme Auswandern prinzipiell nicht infrage. Er werde weiter versuchen, das Abgleiten seines Landes in ein neues „Drittes Reich“, wie es sich insbesondere im Umgang mit Dissidenten zeige, abzubremsen.

          Bei „Worte und Musik der Freiheit“ wird der Publizist Nikolai Swanidse von einer jungen Frau gefragt, wie sie mit der Staatspropaganda umgehen solle, ob etwa der mittelalterliche Fürst Alexander Newski, der gegen Schweden und Deutsche kämpfte, dem Tatarenchan aber treu blieb, damit strategische Weitsicht bewies, wie die offizielle Ideologie behaupte. Swanidse bezweifelt das, erklärt der Fragestellerin aber, die Stabilisierung der Tatarenherrschaft damals habe das Verwaltungssystem in Russland langfristig geprägt. Die Politologin Jekaterina Schulman mahnt angesichts der bevorstehenden Dumawahlen, vor allem in den Städten viele Wahlbeobachter aufzustellen. Als der frühere Nawalnyj-Stabsleiter von Jekaterinburg, Alexej Gresko, der gleichzeitig mit Roisman im Gefängnis saß, vorschlägt, zum Wählbarkeitskriterium eines Kandidaten dessen Fürsprache für die Wiedereinführung direkter Bürgermeisterwahlen zu machen, stimmt Schulman dem zu.

          Gresko, der dreißig Tage Haft absitzen und sein Leben vollkommen umstellen musste, ist zum Forum gleichwohl in einem Sweatshirt mit der Aufschrift „Freiheit für Nawalnyj“ erschienen. Seine früheren Mitarbeiter seien in Lohn und Brot, berichtet er. Der Familienvater, der ein gepflegtes Deutsch spricht, wirkt guter Dinge. Das Putin-System habe keine Zukunftsperspektive, es werde irgendwann zusammenbrechen, ist er überzeugt. Allerdings sei dieses System äußerst lernfähig, so lasse es neuerdings Aktivisten nicht während, sondern nach Demonstrationen verhaften, um hässliche Bilder zu vermeiden. Und auf sein konsequentes Ignorieren internationaler Verträge oder des Urteils des Europäischen Menschenrechtsgerichts, das Nawalnyj freizulassen verlangt, findet, so Gresko, der Westen keine Antwort.

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