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Katalanische Krise : Anatomie eines Augenblicks

Seine „Anatomie eines Augenblicks“ ist eines der wichtigsten spanischen Bücher der letzten Jahre: der spanische Schriftsteller Javier Cercas. Bild: Picture-Alliance

Spanier oder Katalane: Während sich früher diese Rollen geschmeidig wechseln ließen, drängt die Radikalisierung des Konflikts heute jeden in seine Ecke. Was aus der katalanischen Krise zu lernen ist.

          Nach der Verblüffung, nach der Konsternation, nach dem Zorn hat eine gewisse Traurigkeit um sich gegriffen, was nicht verwunderlich ist. Es war alles ein bisschen viel in den vergangenen Wochen, denn die vertraute Welt zerfiel. Die katalanische Unabhängigkeit wurde erklärt, dann suspendiert. Zwangsverwaltung durch Madrid angekündigt, dann mehrmals aufgeschoben. Ultimaten wurden gestellt und verstrichen ungenutzt. Man hoffte, der katalanische Präsident Carles Puigdemont würde Neuwahlen ausrufen, statt sich mit dem Kopf voran in den Abgrund zu stürzen. Doch die Radikalen in der eigenen Koalition trieben ihn vor sich her, von den Straßen klang es schon wie sein Nachruf: „Verräter!“ Also schob er die schwere Entscheidung zurück ins katalanische Parlament, das Haus, dessen Geschichte neu geschrieben werden muss, obwohl nicht alle europäischen Beobachter es mitbekommen haben.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Nicht der 1. Oktober und das illegale Referendum waren die Katastrophe, auch nicht der unselige Polizeieinsatz, dessen Dimension durch gefälschte Fotos so verzerrt wurde, als wäre es der G-20-Gipfel von Hamburg gewesen. Sondern der 6. September, an dem das Parlament in Barcelona, Sitz und Symbol der katalanischen Selbstverwaltung, den Verfassungsbruch systematisierte und eine ganze Region in die Rechtlosigkeit stieß. An jenem Tag peitschte die katalanische Regierungsmehrheit ein Express-Gesetz zum Unabhängigkeitsreferendum durch und missachtete alle Verfahrensregeln. Und das gespenstische Stück vom Freitag – ein halbleeres Parlament, das die Opposition aus Protest verlassen hatte, während die siegreiche Gruppe unverdrossen die katalanische Republik ausrief und damit die Karikatur eines rechtsstaatlichen Aktes lieferte –, es wurde am 6. September erstmals aufgeführt. Schon Macbeth wusste: Wer so viel gemordet hat, für den wird Umkehr so gefährlich wie Weitertöten.

          Die Fragen an Spanien sind legitim: Warum der Konflikt so lange schwelen konnte, bevor er zum Flächenbrand wurde; warum niemand in den vergangenen sieben Jahren nach einem Pakt gesucht hat, einer katalanischen Spezialität. Ministerpräsident Rajoy kommt in den Nachrichten als grauer Verwalter des Unabänderlichen rüber, und die PR der Regierung ist lausig. Aber der Eindruck trügt. Rajoy hat in den letzten Wochen mit maßvollen Worten die Rechtssicherheit Spaniens verteidigt, und solange keine Lösung greifbar ist, gibt es nichts anderes. Ohne verfassungsgemäße Freiheitsgarantien geht gar nichts; alles Bessere kommt danach.

          Schauen wir einmal zurück und einmal nach vorn

          Am Wochenende riefen wir den Schriftsteller Javier Cercas an, den Autor von „Anatomie eines Augenblicks“, einem der wichtigsten spanischen Bücher der letzten Jahre. Der Roman erzählt vom Putsch des 23. Februar 1981, dem einzigen Ereignis, das sich als Bedrohung der spanischen Demokratie mit dem heutigen Konflikt vergleichen lässt. „Alles ist anders geworden“, sagte Cercas. „Das Zusammenleben in Katalonien ist dahin.“ Als Schlüsseldatum nannte er den Verfassungsbruch des 6. September.

          Javier Cercas, der Katalanisch spricht und Spanisch schreibt, dessen Familie aus der Extremadura stammt und der somit einer der vielen Einwanderer ist, die Barcelona aufgenommen hat, gehört zu einer schweigenden Mehrheit: der großen Gruppe von Katalanen, die sich auch als Spanier fühlen. Doch während sich diese Rollen früher geschmeidig wechseln ließen, drängt die Radikalisierung des Konflikts heute jeden in seine Ecke. Als Cercas öffentlich darauf hinwies, dass der spanische Polizeieinsatz vom 1. Oktober in Katalonien nur vier Personen ins Krankenhaus gebracht habe, während von mehr als achthundert Verletzten die Rede gewesen sei, attackierten ihn Freunde in der Presse; dergleichen Kritik am Separatismus ist nicht willkommen. „Selbst Pep Guardiola, der berühmteste Verfechter der Unabhängigkeit, hat von den fünf gebrochenen Fingern einer jungen Frau gesprochen“, sagt Cercas. „Dabei stellte sich heraus, dass sie keinen einzigen gebrochenen Finger hatte.“

          Schauen wir einmal zurück und einmal nach vorn. Die Welt sollte aufhören, den katalanischen Konflikt im Licht der Franco-Zeit zu sehen, denn diese ideologische Konstruktion der Separatisten ist eine Beleidigung einer seit vierzig Jahren etablierten Demokratie. Und eben demokratisch ist nicht, wie die abgesetzten Verfechter der Unabhängigkeit, mit Puigdemont an der Spitze, ihr Usurpationsstück weiterhin aufführen, solange sie können: inzwischen als Farce. Sollte es friedlich bleiben, werden die katalanischen Neuwahlen am 21. Dezember der erste Schritt sein, das Miteinander wiederherzustellen. Und vielleicht machen sich ja ein paar Menschen im neuen Jahr Gedanken darüber, wie sich Katalonien mit größerem Konsens in Spanien zu Hause fühlen könnte. Es wäre die Geschichte einer Krise, die überwindbar ist, weil die demokratischen Institutionen es ermöglichen.

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