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Corona-Demonstrationen : Geht es zu Ende mit der Wirklichkeit?

  • -Aktualisiert am

In keinem Land bestreiten so viele Menschen die Existenz des Virus

Auch in anderen Ländern wurde in den vergangenen Wochen demonstriert, aber nirgends bestreiten so viele Menschen öffentlich nicht nur die Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen zur Eindämmung des Virus, sondern auch die Existenz des Virus selbst wie in Deutschland und den Vereinigten Staaten. Nicht in Spanien oder Italien, wo fast jede Familie die Seuche als greifbare Realität erfuhr. Nicht in den Niederlanden und Belgien, die lange einen ähnlichen Verlauf wie Deutschland erlebten. Nicht in Ungarn, wo Tausende maskentragend gegen die Einmischung der Regierung in das größte unabhängige Nachrichtenmagazin „Index“ durch Budapest zogen. Nicht in Österreich, nicht in der Schweiz. Schon gar nicht in Asien. Nicht mal in Frankreich, wo sicher Rechtsextreme, Antisemiten und Verschwörungstheoretiker unter den „Gelbwesten“ sind, deren Forderungshorizont sich letztlich aber doch auf soziale Gerechtigkeit reduzieren lässt, also innerhalb dessen liegt, was sich als Realität beschreiben lässt. Selbst in Brasilien tragen viele Anhänger Jair Bolsonaros, seit dieser aufgrund seiner Erkrankung die Gefährlichkeit des Virus nicht mehr leugnen kann, auf Demonstrationen Masken.

In Deutschland dagegen verschwimmen, je größer die Proteste werden, zunehmend inhaltliche Schnittmengen; und umso mehr rücken die formalen Gemeinsamkeiten in den Vordergrund. Es scheint, als habe man es mit Meta-Protesten zu tun. Hier wird nicht nur die Absetzung der Maßnahmen gefordert, sondern gleich die eines „Horrorregimes“. Anspruch der Proteste ist einerseits die Verfügung über die Wahrheit: Es wird mit üblichen Werkzeugen der Evidenzerzeugung hantiert, Zahlen, Grafiken, Expertenstimmen; nur verwandeln sie sich in Belege vorher feststehender Ergebnisse, die Daten sind nicht aktuell, und die Methoden liegen nicht offen. Und andererseits die Souveränität: sich selbst an die Stelle der Regierenden setzen, sich selbst eine Verfassung geben. „Schäm dich!“, schrie eine Demonstrantin der ZDF-Moderatorin Dunja Hayali entgegen und reckte eine Flagge in die Kamera: „Schau, das ist meine Flagge!“

Demonstranten verteidigen ihren souveränen Betrachterraum

Wieso tun sich Deutsche schwerer als andere mit der Anpassung an plötzliche Veränderungen der Realität? Ähnlich wie in den Vereinigten Staaten genoss man in Deutschland seit dem Ende des RAF-Terrors (und vor der Akzeptanz der Bedrohung durch rechten Terror) das Privileg, sich auf Krisen aus der Distanz zu beziehen: als etwas, das zwar das moralische Empfinden berührt, nicht aber die unmittelbare Lebensrealität. Deutsche Touristen sind im Ausland ja oft an genau dieser Distanz zu erkennen, die sich in der Körperhaltung ausdrückt: einer eigenwilligen Mischung aus Verlegenheit für die eigene Anwesenheit und einem Zuständigfühlen für alles.

Diese souveräne Betrachterposition wurde 2015 durch die Flüchtlingswelle in Frage gestellt, mehr noch durch die Bilder der überrannten Grenzen (Zygmunt Bauman hat den Folgen dieser Infragestellung eins seiner letzten Bücher gewidmet, „Die Angst vor den anderen: Ein Essay über Migration und Panikmache“, Suhrkamp 2016). Wenn jetzt der eigene Körper zum Objekt der Krisenabwehr wird, geht der Abstand endgültig verloren, ist der Betrachterraum existentiell bedroht. Das Reagieren auf eine Gefahr, die sich erst mit zwei Wochen Verzögerung zeigt, fordert die Teilaufgabe der eigenen Souveränität und das Einfügen in ein Geflecht aus zahllosen Unbekannten – eine Tugend, die man bislang eher in Asien antreffen konnte als in Deutschland, wo die Meinungs- und Entscheidungsfreiheit glücklicherweise alles gilt. Die Erfüllung dieser Tugend bis hin zu ihrer moralischen Überhöhung fällt umso leichter, je mehr Bildung, Vermögen oder Anstellung weiter einen Sicherheitsabstand garantieren.

So ließen sich die Ausfälligkeiten von Demonstranten gegen die ZDF-Moderatorin Dunja Hayali als Verteidigung genau jenes souveränen Betrachterraums beschreiben, des Rechts, seine eigenen Bilder zu machen. Das begann im triumphalen Entgegenrecken der eigenen Handykameras in Erwartung der Eskalation (die Fabrikanten der Realität werden selbst Objekt einer neuen) und setzte sich fort im Recken des Grundgesetzes mit Rosenkranz und immer aggressiveren „Lügenpresse“-Chören.

Es ist eine seltsame Pointe, dass der Aufstand gegen die Realität von Theaterleuten ausging, die vor drei Jahren die Volksbühne besetzten, weil sie ein Theater wiederhaben wollten, in dem genau so entfesselt in Kameras gekrischen wurde. Die Theater sind mit wenigen Ausnahmen geschlossen. Die Wünsche der Besetzer aber wurden Wirklichkeit: Die vierte Wand war gefallen, die Bühne gestürmt, die ganze Stadt voller Unsinn. Und alle schauten fasziniert zu.

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