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Serie „Wildwechsel“ : In Richtung Mümmelhimmel

  • -Aktualisiert am

Ein Feldhase (Lepus europaeus) hockt am frühen Morgen an einem Feldrand in einer Kulturlandschaft im Osten des Landes Brandenburg. Bild: dpa

Hinter dem Tod des Hasen steckt schon lange kein hinterlistiges Igelpaar mehr. Die großen Populationen werden seit langem immer kleiner. Der Dichter Ted Hughes fängt die Zerbrechlichkeit ihrer Existenz ein.

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          Zwischen den beiden schönsten Darstellungen des Hasen in der Kunst liegen fünfhundert Jahre. Aber so klar der Wettlauf von Hase und Igel im Märchen am Ende für den raffinierten, kaninchengroßen Stachelpelzträger und Betrüger ausgeht, so schwer zu entscheiden wäre, ob die Bildende Kunst oder die Literatur den Feldhasen wesensgenauer porträtiert – ein Wildtier, das noch immer biologische Rätsel aufgibt. Gewiss ist Albrecht Dürers 1502 entstandene aquarellierte Zeichnung eines Feldhasen derart detailgenau, dass man meint, die Tasthaare am Äser von Lepus europaeus zittern zu sehen. Alles ist in diesem Porträt, das den schräg zum Betrachter hin ausgerichteten Offenlandbewohner auf dem Bauch liegend zeigt, exakt erfasst: das am Boden Geduckte seiner Haltung, das die nach oben ragenden Hüften der untergezogenen Hinterläufe noch betonen, die Knochigkeit des langbeinigen und bis zu 60 Stundenkilometer schnellen Tiers, die zwischen weiß, grau, schwarz und braun schimmernde Flauschigkeit des Hasenfells, die seitlich am Kopf sitzenden, aufmerksamen Augen, schließlich die nach außen aufgestellten langen Löffel mit den schwarzen Spitzen, nicht zu vergessen die von den Jägern so bildhaft Windfang genannte empfindliche Nase.

          Dürers die Einbildungskraft anregender Darstellung ist fast abzulesen, dass Geruchssinn und Gehörsinn der Hasen fabelhaft ausgebildet sind. Ted Hughes’ ein halbes Jahrtausend nach Dürer geschriebenes Gedicht „The Hare“ fängt die Zerbrechlichkeit der Existenz des mit drei bis fünf Kilogramm bei einer Körperlänge von 50 bis 70 Zentimeter doch leichten Fluchttiers gefühlvoll ein. Zuerst nennt er ihn einen Elf, um das Zauberische des dämmerungs- und nachtaktiven Hasen abzubilden: „That Elf / Riding his awkward pair of haunchy legs“ – dieser Elf, der sein ungelenkes Paar Schlegel reitet –, so beginnt das Gedicht. Man sieht ihn förmlich vor sich stehen, den merkwürdigen, langohrigen Kobold, „That weird long-eared Elf“.

          Der Hase bricht tot zusammen

          Doch gleich darauf bricht Hughes die magische Stimmung des in Wirklichkeit seltenen Anblicks, indem er angibt, wo dieser Hase aufgetaucht ist, nämlich am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts: „Wobbling down the highway“, die Autobahn hinunterwankend. Hoppelnd, würden die Jäger sagen, die Rücken, Hoppeln und Flüchten als die drei Fortbewegungsarten des Hasen an den Spuren unterscheiden können. Das langsame, von Pausen unterbrochene Rücken, mit dem das Tier beim Äsen vorwärtszieht, zeigt parallel mit ganzer Sohle vor den Vorderläufen aufsetzende Hinterläufe und Vorderläufe, die auf einer Linie aufkommen. Im Hoppeln hinterlassen die Hinterläufe immer noch den ganzen Sohlenabdruck, allerdings setzen diese jetzt leicht auswärtsgedreht auf wie Tänzerfüße. In der flüchtenden Fortbewegung schließlich drücken sich die Hasen nur noch mit den Zehen ab.

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