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Kleiderordnung für Frauen? : Der letzte Schrei

Zeichen setzen: Rosa Clemente, Natalie Portman, Michelle Williams, America Ferrera, Jessica Chastain, Amy Poehler, Meryl Streep, Ai-jen Poo und Saru Jayaraman (von links) bei den Golden Globes. Bild: AFP

Bei den Golden Globes setzten Frauen für die „Me Too“-Bewegung ein Zeichen des Protests und erschienen in Schwarz. Eine Schauspielerin fordert nun eine neue Kleiderordnung für die Berlinale. Was bringt das?

          Es gab einmal eine Zeit, in der jeder Schritt Richtung Emanzipation der Frau mit textiler Befreiung verwoben schien. Erst schälte sich die Dame aus dem Korsett, in das sie das 19. Jahrhundert eingepanzert hatte, und marschierte, das Wahlrecht fordernd, auf die Straßen. Kaum konnte sie freier atmen und sackte entgegen der Annahmen der Mediziner, die warnten, der weibliche Körper könne sich ohne Stütze kaum aufrecht halten, nicht kraftlos in sich zusammen, fiel eine Hülle nach der anderen: Frau wagte es, Handgelenk zu zeigen, Arm und Dekolleté, entblößte ihre Knöchel, ihre Knie, demonstrierte Frauenpower im Bikini oder Minirock und verbrannte BHs. Am Ende der Geschichte angekommen, dachte man, kann die befreite Frau ihren befreiten Körper auf der öffentlichen Bühne inszenieren, wie es ihr gefällt, weil sie die Macht errungen hat, sichtbar zu sein – und gleichzeitig unverfügbar.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Das dachten aber selbstverständlich schon immer nicht alle. Bereits über das als Reformsack verhöhnte Reformkleid konnten sich Frauenrechtlerinnen in die Wolle bekommen, und heute sind Feminismus und Mode erst recht im Clinch. Während die einen „Modest Fashion“ in islamischer Tradition als Gipfel weiblicher Selbstbestimmung feiern, reißen sich Femen-Frauen die Blusen vom Leib und schicken Designer ultradünne Models mit Statement-T-Shirts, auf denen Wohlfeiles steht wie: „We should all be Feminists“, über den Laufsteg.

          Wie viel Sexiness in der Werbung ist okay, ab wann wird der weibliche Körper verdinglicht? Ist mit Reizen nicht zu geizen Unterwerfung unter das Patriarchat? Die Kleiderfrage war schon aufgeladen, bevor der „Pussygrabber“ Trump und Weinstein auf der Bildfläche erschienen, aber jetzt ist sie es erst recht.

          Bei der Berlinale im vergangenen Jahr war am Eröffnungsabend noch festliche Garderobe angesagt.

          Wer sich gegen Übergriffe auf Frauen stellen will, musste bei den Golden Globes Schwarz tragen, als trüge das Sexismus, Rassismus und überhaupt alle Diskriminierungen und Ungleichbehandlungen zu Grabe. Dieser Logik folgten auch bei den Grammys viele Stars, die ihr finsteres Outfit um eine unschuldig weiße Rose als Statement der Solidarität mit der „Time’s Up“-Initiative ergänzten. Und bei der Berlinale im kommenden Monat im Land des Wedel-Falls?

          Da soll der rote Teppich, wenn es nach der Schauspielerin Anna Brüggemann geht, gleichfalls Laufsteg textiler Botschaften werden. Im Blitzlichtgewitter vor den Premieren, sagte Brüggemann dem „Spiegel“, „präsentieren sich viele immer noch als Objekte eines patriarchal geprägten Blicks“, nicht als sie selbst. Nun fallen einem spontan als stilbildende Galaauftritte Björks Erscheinen mit totem Stoffschwan um den Hals und Lady Gaga im Fleischkleid ein, aber nun gut, die meisten Stars tragen Abendrobe und folgen auch im vermeintlich unkonventionellen Smoking als Frau dem konventionellen Schönheitsideal – weil sie eben nicht als sie selbst, sondern als Star auftreten.

          Brüggemann will das mit ihrer Hashtag-Initiative „Nobody’s Doll“ ändern, die Frauen (und Männer) aus dem Filmbusiness auffordert, auf dem roten Teppich nicht „in Sack und Asche zu gehen“, aber auch keinen Zwängen zu folgen, sondern vielfältig die „eigene Schönheit“ zu zeigen: „Nur so werden wir das Rollenbild des Pin-ups endlich hinter uns lassen.“

          Im Grunde ist das aber nur ein in das Gewand des Nonkonformismus gehüllter neuer Aufruf zur Normbeachtung: In Cannes haben sie vor drei Jahren High Heels vorgeschrieben (worüber sich zu Recht alle Welt mokierte), in Hollywood tragen sie Trauer (was man auch als konformistische Imagekampagne in eigener Sache sehen kann), im Netz feiern sie Scarlett Johansson und Natalie Portman, weil diese leger gekleidet und kaum geschminkt (Achtung, Zeichen für Ernsthaftigkeit) beim Women’s March mitgelaufen sind, in Berlin sollen alle kommen, wie sie wollen, weil sie sonst nicht zeigen, wer sie sind. Und wenn sie nun doch im Glitzerfummel auflaufen, mit freien Schultern und hohen Schuhen? Ist das dann gewollt? Oder gerade nicht gewollt? Vielleicht sollte sich endlich herumsprechen, was schon bei Diskussionen um das Korsett vor mehr als hundert Jahren Thema war: dass Haltung keine Frage des Textils ist. Es wäre wirklich an der Zeit, dass Bekleidungsvorschriften aus der Mode kommen.

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