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Triumph der Form über Materie : Warum Plastik nicht weniger werden muss

Galt einmal als Inbegriff der Moderne: Das Plexiglas-Dach des Münchner Olympiastadions. Bild: dpa

Plastik galt einmal als Inbegriff der Moderne – heute betrachtet man es fast nur noch als Müll. Dabei könnte es helfen, viele ökologische Probleme zu lösen.

          5 Min.

          Etwa vor 70 Jahren begann der Siegeszug des Plastiks, und wenn sich nun der Erfolg all der künstlichen Stoffe vor allem als Problem darstellt, muss man vielleicht noch einmal kurz daran erinnern, was für ein alchemistisches Wunder sie einmal waren: Aus Erdöl und technischem Wissen entstanden Formen, von denen man zuvor nur träumen konnte, Dinge, die, wie die Verbindungen der Moleküle, in der Natur bisher nicht vorgekommen waren und deren Eigenschaften sich dort eher ausschließen, Gegenstände, die gleichzeitig flexibel waren und stabil, leicht und hart, formbar und unverwüstlich.

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Plastik war der Triumph der Form über die Materie, des Idealismus über den Realismus, „nicht nur eine Substanz“, wie Roland Barthes in den „Mythen des Alltags“ schrieb, sondern „die Idee ihrer unendlichen Transformation“. So machte es Objekte möglich, die so schön sind, dass niemand auf die Idee kommen würde, sie wegzuwerfen: das Plexiglas-Dach des Münchner Olympiastadions; den Polyesterstuhl von Charles und Ray Eames; die Acetat-Brillen der Firma Moscot. Und auch wer sich um die Umwelt sorgt, um eine Schonung der Ressourcen, der müsste, wenn es noch kein Plastik gäbe, so ein Zeug schleunigst erfinden: Sicher, seine Produktion verbraucht Ressourcen, die langsamer nachwachsen, als es selbst verrotten kann. Aber andererseits sorgt es eben auch dafür, dass kein Baum mehr gefällt werden muss, um einen Tisch zu bauen, kein Tier verwertet, um einen Schuh zu schustern. Weshalb die Ökobilanz oft zugunsten der Kunststoffe ausfällt.

          2050 schwimmt mehr Plastik im Meer als Fische

          Dass Plastik trotzdem zum Problem geworden ist, liegt daran, dass das Märchen dieser phantastischen Materialien so weiterging wie jenes der Brüder Grimm vom süßen Brei. Wie die Mutter, die den Spruch vergessen hat, um den Zauberkochtopf zu stoppen, hörten die Menschen einfach nicht auf, Kunststoffe zu produzieren – obwohl sie heute gar nicht mehr wissen, wohin mit all dem Nylon, Acryl, Styropor, Polyamid, PVC und PET. Auf jeden Menschen, der heute auf der Erde lebt, kam schon im Jahr 2015 mehr als eine Tonne Plastik; 8,3 Milliarden Tonnen insgesamt. 6,3 Milliarden davon landeten im Müll. Und von Jahr zu Jahr steigt die Menge an Plastik, die produziert wird, immer schneller. Wenn es im bisherigen Tempo weitergeht, hat sich die Menge bis zum Jahr 2030 fast verdoppelt. Und im Jahr 2050, das ist die schreckliche Prognose, die sich mittlerweile wie ein Refrain durch die Appelle der Umweltschützer zieht, schwimmt mehr Plastik im Meer als Fische.

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          Der Grund für das Problem ist kein Geheimnis: Je billiger die Kunststoffe wurden, desto mehr gingen die Menschen dazu über, mit ihnen das zu tun, wofür sie sich so gar nicht eignen: sie in den Müll zu schmeißen. Knapp sechzig Prozent des produzierten Plastiks wird zu Wegwerfartikeln verarbeitet, nur 40 Prozent sind für den längeren Gebrauch vorgesehen. Zwar lässt sich heute ein Teil des Kunststoffmülls hervorragend recyceln, aber noch leichter und profitabler ist es eben, ihn zu verbrennen oder zu exportieren. Weshalb sogar im umweltbewussten Deutschland nur 15,6 Prozent geschreddert oder geschmolzen und zu neuen Kunststoffprodukten verarbeitet werden.

          Um den ökologischen Irrsinn dieser Einbahnstraße zu veranschaulichen, muss man nur einmal die Karriere eines jener dünnen Plastikbeutel verfolgen, deren Zweck nur darin besteht, das Obst von der Supermarkttheke bis zur Kasse zu transportieren, des sogenannten Hemdchenbeutels: Aus Asien, wo heute der Großteil des Kunststoffes produziert wird, kommt er in den deutschen Supermarkt, nach dem Einkauf verschwindet er in einer anderen Tüte, zu Hause landet er im Müll. Wenn er Glück hat, schafft er es in die gelbe Tonne, danach wird er recycelt oder verbrannt. Oder, im schlimmsten Fall, zurück nach Asien exportiert. Dabei sind Plastiktüten gar nicht das Problem: Ihr Anteil am Verpackungsmüll beträgt nicht einmal zwei Prozent.

          Trotzdem kann man das Dilemma nirgends so gut erkennen wie am Verpackungsmüll: Die Vorteile von Kunststoffverpackungen sind unbestreitbar, auch die ökologischen: Plastikflaschen, vor allem die des Mehrwegsystems, sparen Energie beim Transport und sind daher sogar umweltfreundlicher als Glas; Frischhaltefolien schützen Lebensmittel vor dem Verderben und reduzieren damit den Kohlendioxidausstoß. Ein Drittel aller weltweit produzierten Lebensmittel landet heute auf dem Müll. Wobei sich sicher nicht alle Auswüchse des Verpackungswahns mit dem ökologischen Nutzen rechtfertigen lassen: Wer sich ausgedacht hat, Plastikscheiben zwischen Schinkenscheiben zu legen, dem Waschmittel Dosierhilfen aus Kunststoff beizulegen oder Joghurtbecher mit giftigen Zusatzstoffen vollzupumpen, gehört dringend in eine Gummizelle.

          Außerdem ist der Kohlendioxidausstoß nicht das größte Problem des Kunststoffabfalls. Wer seine Ökobilanz verbessern will, kann jahrelange Plastiksünden leicht mit dem Verzicht auf einen einzigen Mittelstreckenflug wiedergutmachen. Nur hilft das nichts gegen den ganzen Müll am Strand, im Meer, in den Mägen von Tieren. Plastik ist heute, in allen Größen und Formen, so allgegenwärtig, dass man es kaum wieder einfangen kann. Selbst der Abrieb von Schuhsohlen landet als Mikroplastik in der Umwelt.

          Was aber wäre die Lösung? Seit einiger Zeit gibt es spektakuläre Erfolge, Plastik aus nachwachsenden Rohstoffen zu produzieren: Coca-Cola stellt einen Teil seiner Flaschen aus Zuckerrohr her, die Reifenfirma Continental forscht an Löwenzahn als Alternative für Kautschuk. Auch aus Mais, Algen, Kartoffeln, Tomaten oder Bananen kann man Kunststoff machen. Doch leider sind viele Biokunststoffe nicht klimafreundlicher als Plastik aus Erdöl. Die Pflanzen, aus denen sie hergestellt werden, brauchen Dünger und Platz, der dann für den Anbau von Wald und Lebensmitteln fehlt. Kunststoffe, die biologisch abbaubar sein sollen, sind logischerweise nicht ganz so haltbar wie ihre unverrottbare Konkurrenz; und lassen sich trotzdem sehr schlecht recyceln. Auf dem Kompost zersetzen sie sich nicht schnell genug, in der gelben Tonne verunreinigen sie das wiederverwertbare Plastik. Weshalb sie am Ende meistens auch nur verbrannt werden können.

          Beliebt – und aus Plastik: Sonnenbrille im Retro-Stil aus Acetat von Escada.

          Nur Bioplastik aus pflanzlichen oder tierischen Abfällen wäre eine sinnvolle Alternative. Die Phantasie der Forscher, die nach neuen Verfahren suchen, ist beeindruckend: An der Technischen Universität Graz verwandeln Wissenschaftler Schlachtabfälle in Polyester, an der Hochschule Hannover arbeitet man an Biokunststoffen auf Basis von Kaffeesatz, ein Projekt in Wuppertal versucht, Rohstoffe aus Abwasser zurückzugewinnen und daraus wieder Biopolyester herzustellen. Viel Potential hat auch die Idee, Kunststoff aus den Schalen von Krebsen zu gewinnen, die als Abfallprodukt der Krabbenfischerei in großer Menge anfallen.

          Plastikindustrie eine der am wenigsten regulierten Branchen

          Natürlich kommen all diese Versuche noch nicht gegen die Übermacht des Mülls an, den die Industrie besinnungslos aus billig gefracktem Öl produziert. Und doch machen sie deutlich, dass wir nicht weniger Plastik brauchen, um die Umwelt zu retten, sondern besseres. Nicht eine unübersichtliche Vielfalt von giftigen Gemischen, die sich weder sortieren noch recyceln lassen, sondern sortenreines, möglichst ungefärbtes, gesundes Plastik. Nicht Einwegkunststoffe, die nur verbrannt werden können, sondern standardisierte Verpackungen, die ein Pfandsystem ermöglichen. Die Plastikindustrie ist eine der am wenigsten regulierten Branchen überhaupt. Sogar eine von der Plastikindustrie geförderte Studie der Ellen MacArthur Foundation rät dringend dazu, globale Regeln einzuführen, um die Entwicklung eines effizienten (und irgendwann vielleicht sogar profitablen) Systems der Wiederverwendung zu ermöglichen.

          Dass sich die spektakulärsten künstlichen Stoffe herstellen lassen, wenn man nur die richtigen Moleküle verknüpft, ist ein beeindruckender Beweis der menschlichen Erfindungsgabe. Aber was der Mensch zusammengebracht hat, kann die Natur schwer trennen: Wenn uns nicht bald einfällt, wie wir diese Verbindungen wieder auflösen, wäre das richtig dumm.

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