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Triumph der Form über Materie : Warum Plastik nicht weniger werden muss

Trotzdem kann man das Dilemma nirgends so gut erkennen wie am Verpackungsmüll: Die Vorteile von Kunststoffverpackungen sind unbestreitbar, auch die ökologischen: Plastikflaschen, vor allem die des Mehrwegsystems, sparen Energie beim Transport und sind daher sogar umweltfreundlicher als Glas; Frischhaltefolien schützen Lebensmittel vor dem Verderben und reduzieren damit den Kohlendioxidausstoß. Ein Drittel aller weltweit produzierten Lebensmittel landet heute auf dem Müll. Wobei sich sicher nicht alle Auswüchse des Verpackungswahns mit dem ökologischen Nutzen rechtfertigen lassen: Wer sich ausgedacht hat, Plastikscheiben zwischen Schinkenscheiben zu legen, dem Waschmittel Dosierhilfen aus Kunststoff beizulegen oder Joghurtbecher mit giftigen Zusatzstoffen vollzupumpen, gehört dringend in eine Gummizelle.

Außerdem ist der Kohlendioxidausstoß nicht das größte Problem des Kunststoffabfalls. Wer seine Ökobilanz verbessern will, kann jahrelange Plastiksünden leicht mit dem Verzicht auf einen einzigen Mittelstreckenflug wiedergutmachen. Nur hilft das nichts gegen den ganzen Müll am Strand, im Meer, in den Mägen von Tieren. Plastik ist heute, in allen Größen und Formen, so allgegenwärtig, dass man es kaum wieder einfangen kann. Selbst der Abrieb von Schuhsohlen landet als Mikroplastik in der Umwelt.

Was aber wäre die Lösung? Seit einiger Zeit gibt es spektakuläre Erfolge, Plastik aus nachwachsenden Rohstoffen zu produzieren: Coca-Cola stellt einen Teil seiner Flaschen aus Zuckerrohr her, die Reifenfirma Continental forscht an Löwenzahn als Alternative für Kautschuk. Auch aus Mais, Algen, Kartoffeln, Tomaten oder Bananen kann man Kunststoff machen. Doch leider sind viele Biokunststoffe nicht klimafreundlicher als Plastik aus Erdöl. Die Pflanzen, aus denen sie hergestellt werden, brauchen Dünger und Platz, der dann für den Anbau von Wald und Lebensmitteln fehlt. Kunststoffe, die biologisch abbaubar sein sollen, sind logischerweise nicht ganz so haltbar wie ihre unverrottbare Konkurrenz; und lassen sich trotzdem sehr schlecht recyceln. Auf dem Kompost zersetzen sie sich nicht schnell genug, in der gelben Tonne verunreinigen sie das wiederverwertbare Plastik. Weshalb sie am Ende meistens auch nur verbrannt werden können.

Beliebt – und aus Plastik: Sonnenbrille im Retro-Stil aus Acetat von Escada.

Nur Bioplastik aus pflanzlichen oder tierischen Abfällen wäre eine sinnvolle Alternative. Die Phantasie der Forscher, die nach neuen Verfahren suchen, ist beeindruckend: An der Technischen Universität Graz verwandeln Wissenschaftler Schlachtabfälle in Polyester, an der Hochschule Hannover arbeitet man an Biokunststoffen auf Basis von Kaffeesatz, ein Projekt in Wuppertal versucht, Rohstoffe aus Abwasser zurückzugewinnen und daraus wieder Biopolyester herzustellen. Viel Potential hat auch die Idee, Kunststoff aus den Schalen von Krebsen zu gewinnen, die als Abfallprodukt der Krabbenfischerei in großer Menge anfallen.

Plastikindustrie eine der am wenigsten regulierten Branchen

Natürlich kommen all diese Versuche noch nicht gegen die Übermacht des Mülls an, den die Industrie besinnungslos aus billig gefracktem Öl produziert. Und doch machen sie deutlich, dass wir nicht weniger Plastik brauchen, um die Umwelt zu retten, sondern besseres. Nicht eine unübersichtliche Vielfalt von giftigen Gemischen, die sich weder sortieren noch recyceln lassen, sondern sortenreines, möglichst ungefärbtes, gesundes Plastik. Nicht Einwegkunststoffe, die nur verbrannt werden können, sondern standardisierte Verpackungen, die ein Pfandsystem ermöglichen. Die Plastikindustrie ist eine der am wenigsten regulierten Branchen überhaupt. Sogar eine von der Plastikindustrie geförderte Studie der Ellen MacArthur Foundation rät dringend dazu, globale Regeln einzuführen, um die Entwicklung eines effizienten (und irgendwann vielleicht sogar profitablen) Systems der Wiederverwendung zu ermöglichen.

Dass sich die spektakulärsten künstlichen Stoffe herstellen lassen, wenn man nur die richtigen Moleküle verknüpft, ist ein beeindruckender Beweis der menschlichen Erfindungsgabe. Aber was der Mensch zusammengebracht hat, kann die Natur schwer trennen: Wenn uns nicht bald einfällt, wie wir diese Verbindungen wieder auflösen, wäre das richtig dumm.

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