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Genevoix im Panthéon : Die neue Symbolfigur der französischen Staatsraison

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Sein Eintreten für die französische Sprache, die Leitung der Académie française zwischen 1958 und 1974, der Einsatz für Kriegsveteranen, dem unter vielem mehr die Schaffung des Mémorial de Verdun zu verdanken ist, behafteten Genevoix mit dem Ruch des Rückwärtsgewandten. Dabei waren seine Ablehnung der Essentialisierung von Vertretern fremder Kulturen sowie sein Anprangern von Betonierern und Umweltsündern ihrer Zeit voraus. Jacques Tassin, Mitverfasser der ersten, 2019 erschienenen Biographie, veröffentlichte jüngst einen Essay über „Genevoix, l’écologiste“.

Die schwärzesten, wuchtigsten Werke

Doch Macron „panthéonisiert“ den Autor nicht deswegen, sondern weil dessen Kriegsbücher „Resilienz und Willensstärke“ ausdrücken. Zwei Tugenden, die in Pandemiezeiten Konsens sein sollen, auch wenn der Entscheid schon 2018 getroffen wurde. Um dem Staatsakt zusätzlich Gewicht zu verleihen, flankieren zwei Auftragswerke den Einzug von Genevoix in den Panthéon – die ersten an diesem Ort seit 1924. Der französische Komponist Pascal Dusapin hat ein Werk für einen A-cappella-Chor geschaffen. Die Kostprobe, die wir aus siebzig Lautsprechern zu hören bekamen, hatte etwas von einer fluktuierenden Klangwolke: Akkorde verschieben sich durch sparsame Bewegungen langsam von innen, einzelne Stimmen und Töne wandern durch den Raum, leuchten auf und erlöschen wieder, die Nachhallzeit von sieben Sekunden verleiht dem Gesang des Chœur Accentus einen linden Halo. Vier- oder fünfmal pro Stunde durchbricht eines der 120 kurzen „Module“ von „In nomine lucis“ die Stille, wobei ein Computer nicht nur die Reihenfolge umstellt, sondern auch die Stimmen anders abmischt.„Kein Besucher wird je die gleiche Musik hören“, erklärt Pascal Dusapin.

Anselm Kiefer und Pascal Dusapin
Anselm Kiefer und Pascal Dusapin : Bild: Palais de l'Éysée

Der deutsche Künstler Anselm Kiefer hat sechs Riesenvitrinen geschaffen, die zum Teil frei, zum Teil sehr direkt auf „Ceux de 14“ verweisen. Eine von ihnen vereint kupferne Fahrräder und gebastelte Gewehre vor dem Ölbild eines Weizenfelds – ein leichtbewaffnetes „Bataillon“ aus der Zeit vor den großen Materialschlachten. Eine andere lässt aus Asphaltschollen Mohnblüten aufsteigen: Evokation des hochsommerlichen Kriegsbeginns, aber auch der roten Hosen, die Frankreichs Infanteristen zu Zielscheiben machten. Eine nature morte mit zersprengten Zementplatten, aus deren offen liegenden Gitterrosten Halme mit vertrockneten Mohnkapseln wachsen, scheint Explosionswunden zu verkörpern, deren Schmerzen kein Opium zu betäuben vermag.

Stellenweise öffnen sich metaphysische Abgründe. „Was sind wir...“, heißt es zu einer Vitrine mit Erdklumpen, schwarzbesudelten Textilien und gen Himmel gereckten Gewehren; darüber eine Kleiderwolke, auf der drei Miniaturholzstühle schwanken. Ein vierter liegt umgefallen am Boden, als Verweis auf die Heilige Dreifaltigkeit mitsamt Schlange, auf die Theodizeefrage, den Theologenstreit über die Rechtfertigung Gottes angesichts des Bösen in der Welt. Durch die Kleider in dieser Vitrine nur angedeutet, wird sie zur Hommage an die Frauen hinter den kriegführenden Männern. Die an die sekundierenden Kolonialkräfte erfolgt in einem Riesenbild mit dem Titel „Ceux de 14 – L’Armée noire – Celles de 14“ explizit. Doch im Gegensatz zu den Vitrinen soll dieses Tableau wie auch sein Pendant, „La Voie sacrée“, nicht permanent im Panthéon zu sehen sein. Bedauerlich: Es sind die schwärzesten, wuchtigsten Werke.

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