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Der Orient und das Mittelalter : Was den Blick verstellt

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Für Europa genüge es hier, pauschal auf die Aufklärung und die Französische Revolution zu verweisen, die nicht nur durch die nachfolgenden Napoleonischen Kriege für alle Europäer unmittelbar spürbar wurden. Alle früheren Epochengrenzen sind nur Konstrukte von Historikern. Viele Menschen jedoch, die direkt oder indirekt die Französische Revolution und die Napoleonischen Kriege miterlebt hatten, nahmen diese Zeit selbst als epochalen Übergang wahr.

Geschichte wird global

Noch wichtiger ist die Tatsache, dass sich auch der Raum, in dem sich Geschichte abspielt, stark verändert. Weltgeschichte findet von nun an nicht mehr, wie noch lange nach 1500, in geographisch vorgegebenen Großräumen statt, sondern wird global. Schon der Siebenjährige Krieg 1756 bis 1763 wird nicht nur in Europa, sondern auch in Nordamerika, in Indien und in der Karibik ausgefochten. Infolge des Russisch-Türkischen Kriegs von 1768 bis 1774 wird das Osmanische Reich zum „kranken Mann am Bosporus“, in der Schlacht von Plassey am 23. Juni 1757 steigt England endgültig zur Kolonialmacht in Indien auf.

Da das Safawidenreich schon 1736 sein Ende gefunden hatte, sind nun alle drei islamischen Großreiche entweder vernichtet oder stark angeschlagen. Mit gutem Recht gilt in der Islamwissenschaft die Landung Napoleons in Ägypten 1798 als Beginn einer neuen Epoche im Nahen Osten. Anders als um 1500 sind all diese Geschehnisse nicht der Beginn eines längeren Transformationsprozesses. Teilweise sind sie Symptome schon länger andauernder Veränderungen, teilweise sind es umstürzende Ereignisse, die sich sofort und unmittelbar auf alle Lebensbereiche auswirken. Gerade wenn man also Le Goffs Europa-Fixierung überwindet, kann man ihm umso mehr zustimmen.

Die zweite Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts bildete einen wesentlich epochaleren Einschnitt als die Zeit um 1500. Damit ergäbe sich folgende Epochengliederung: Die romano-graeco-iranische Antike geht um 250 nach Christus in eine Spätantike über, die um 1050 großräumig in eine neue Epoche eintritt, welche wiederum bis etwa 1750 andauert.

Wie die neue Epoche heißen kann

Doch wie kann diese Epoche heißen? Der Begriff „Mittelalter“ ist diskreditiert und lässt sich auch schwerlich bis ins achtzehnte Jahrhundert ausdehnen. Es ist naheliegend, den Begriff der Neuzeit zu übernehmen, der vor allem als Frühneuzeit in der auf Europa zentrierten Geschichtsschreibung gut eingeführt ist. Seine eurozentrische Normativität könnte überwunden werden, wenn man ihn für einen großen Teil der Alten Welt gelten ließe, und Gründe dafür gibt es genug.

Die Zeit um 1500 würde dann die Grenze zwischen einer frühen oder ersten Neuzeit und einer späteren oder zweiten Neuzeit bilden, die gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts in die Moderne übergeht, eine voraussichtlich eher kurze Epoche, die vielleicht noch im Laufe des einundzwanzigsten Jahrhunderts in das Zeitalter des Maschinenmenschen übergehen könnte. Das ist freilich Spekulation. Sicher scheint mir aber, dass die Gliederung der Geschichte in die Trias Antike – Mittelalter – Neuzeit das Nachdenken über Geschichte mehr blockiert als fördert. Vor allem steht sie einem Denken im Wege, das eurozentrische Fixierungen überwinden und größere Räume in den Blick nehmen kann. Ein Export des schon für Europa irreführenden Begriffs „Mittelalter“ ist hier alles andere als hilfreich. Man sollte endgültig auf ihn verzichten.

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