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Der Orient und das Mittelalter : Was den Blick verstellt

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Prinzipiell kommen zwei Antworten in Frage. Das erste mögliche Datum für eine Epochengrenze nach 1050 ist der Zeitraum um das Jahr 1500, mit dem man auch konventionell das „Mittelalter“ enden lässt. Tatsächlich gibt es eine Häufung wichtiger historischer Daten um diese Zeit. Um nur die bekanntesten zu nennen: 1453 erobern die Osmanen Konstantinopel, 1492 bricht Kolumbus zu seiner ersten Entdeckungsfahrt Richtung Amerika auf. Im selben Jahr fällt Granada, das letzte islamische Königreich auf der Iberischen Halbinsel. 1501 treten die Safawiden die Herrschaft über Iran an, wenig später entsteht östlich davon das Mogulreich. 1517 erobern die Osmanen das Mamlukenreich, im selben Jahr veröffentlicht Martin Luther seine 95 Thesen.

Allerdings gibt es auch Einwände gegen eine Epochenzäsur um 1500. Ein wichtiger Einspruch kommt von Jacques Le Goff, der in seinem Buch „Geschichte ohne Epochen“ etwa darauf hinweist, dass sich die Entdeckung Amerikas erst um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts wirklich spürbar in Europa bemerkbar machte. Le Goffs Einspruch gegen eine Epochengrenze um 1500 liegt auf der hier verfolgten Linie, nicht spektakuläre Ereignisse, die eine langfristige Entwicklung einleiten, zur Epochengrenze zu machen, sondern eine solche Grenze erst dann zu ziehen, wenn diese Auswirkungen allgemein geworden sind. So betrachtet lassen sich auch einige der übrigen genannten Ereignisse relativieren. Der Fall Granadas etwa ist nur der letzte Akt einer langen Entwicklung und überdies vor allem von regionalgeschichtlicher (wenngleich von hoher symbolischer) Bedeutung, das Oströmische Reich hatte ebenfalls lange zuvor seine alte Bedeutung eingebüßt, und Luthers Thesen – ein Einzelereignis im Laufe einer langen Reformationsgeschichte – entfalteten ihre Wirkung erst allmählich.

Nur Konstrukte von Historikern

Andererseits machte sich die Eroberung Granadas für die jüdische und muslimische Bevölkerung der Iberischen Halbinsel, die zwangsbekehrt oder vertrieben wurde, doch sehr unmittelbar bemerkbar. Auch für die Bevölkerung Irans war der Herrschaftsantritt der Safawiden mehr als nur ein Dynastiewechsel, verfolgten diese doch, anders als ihre diversen sunnitischen oder schiitischen Vorgänger, eine offensiv proschiitische Religionspolitik. Kurz nach 1500 hatten sich drei Großreiche der islamischen Welt konsolidiert: das Mogulreich im Osten, das der Osmanen im Westen und dazwischen das der Safawiden. Dass sich diese Konstellation auch auf Alltag, Kunst und Kultur auswirkte, steht außer Zweifel. Ganz übergehen lässt sich die Zeit um 1500 also nicht, wenn man über Epochengrenzen nachdenkt.

Le Goff verfolgte mit seinem – übrigens ganz und gar auf Europa zentrierten – Ansatz vor allem das Ziel, die Renaissance als eigene Epoche in Frage zu stellen. Er wollte zeigen, dass es „im sechzehnten Jahrhundert, eigentlich sogar bis zur Mitte des achtzehnten Jahrhunderts, keine grundlegende Veränderung gegeben hat, die eine Trennung zwischen dem Mittelalter und einer neuen, anderen Periode, die dann die Renaissance wäre, rechtfertigen würde“. Stattdessen postuliert Le Goff ein „langes Mittelalter“, das erst im achtzehnten Jahrhundert endet. Tatsächlich spricht einiges dafür, dass der Umbruch, der sich in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts vollzieht, einschneidender ist als die Veränderungen der Zeit um 1500.

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