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Der Orient und das Mittelalter : Was den Blick verstellt

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Goldene Jahrhunderte in Afrika

Hinzu kommt ein Weiteres: Der Raum, in dem diese neue Epoche beginnt, weitet sich nach Süden. Immer größere Gebiete Afrikas werden in das wirtschaftliche und kulturelle islamische Netzwerk einbezogen, das sich von Nordafrika bis zu den Hochgebirgen Zentralasiens erstreckt. François-Xavier Fauvelle, der seinem Buch „Das goldene Rhinozeros“ den Untertitel „Afrika im Mittelalter“ gegeben hat, argumentiert überzeugend, dass die gemeinhin als „Mittelalter“ bezeichneten Jahrhunderte in Afrika zwar spärlich dokumentiert sind, aber keineswegs „dunkle“ Jahrhunderte waren. Ganz im Gegenteil: „Goldene Jahrhunderte – nicht dunkel, sondern vergessen.“

Allerdings tut sich auch ein Afrika-Historiker keinen Gefallen, wenn er den Begriff „Mittelalter“ verwendet und damit wie Fauvelle den Zeitraum vom achten bis zum fünfzehnten Jahrhundert meint. Das führt aus zwei Gründen in die Irre: Zum einen verschleiert es die Kontinuitäten mit der Antike, zum anderen die Bedeutung einer tatsächlichen Epochengrenze, die in vielen Regionen wiederum um das elfte Jahrhundert herum zu suchen ist.

Das achte Jahrhundert scheint sich für Afrika kaum für eine solche Grenze anzubieten. Tatsächlich sind die von Fauvelle beschriebenen historischen Ereignisse, die sich vor dem elften Jahrhundert abspielen, entweder in spätantiken Kulturen angesiedelt, oder sie sind schwache Anzeichen für Entwicklungen, die erst im oder nach dem elften Jahrhundert zur Reife kommen.

Wechsel der Religion ist nicht entscheidend

Es bietet sich vielmehr an, die Zeit bis ins elfte Jahrhundert auch in Afrika als formative Periode zu betrachten, in der einerseits spätantike Traditionen und Kulturen verschwinden oder tiefgreifende Transformationsprozesse durchleben, andererseits die Grundlagen für die nachformativen Zivilisationen gelegt werden, die geographisch über den antiken Raum hinausgehen und vor allem islamisch geprägt sind.

„Zwischen dem zweiten Drittel des elften Jahrhunderts und der ersten Hälfte des zwölften“, schreibt Fauvelle, „beobachten wir eine Welle von Übertritten zum Islam unter den Herrschern mehrerer politischer Gebilde von der Sahelzone und vom Atlantik bis zur großen Nigerschleife.“ Allerdings konvertierte nur die politische und wirtschaftliche Elite zum Islam. Die Mehrheit blieb den alten Kulten treu, die bis zur allgemeinen Islamisierung im neunzehnten Jahrhundert praktiziert und akzeptiert wurden.

Wieder zeigt sich, dass der Wechsel der Religion allein keine Epochengrenze markieren kann. Auch in Afrika betrifft er zunächst nur eine schmale Schicht, während die traditionellen Religionen davon weitgehend unberührt bleiben. Es ist aber ein allmählich vollzogener kultureller und vor allem wirtschaftlicher Wandel, der sich in diesen Konversionen zeigt, die eben deshalb doch als ein Merkmal zur Markierung von Epochengrenzen herangezogen werden können.

Wann endet das Mittelalter?

Bleibt die Frage, wie die Epoche nach dem Ende der formativen Periode der ausgehenden Spätantike im elften Jahrhundert zu nennen ist. Dazu ist es aber nötig, zu fragen, wann wiederum diese Epoche zu Ende geht, eine Frage, die wesentlich schwerer zu beantworten ist, als es auf den ersten Blick aussieht.

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