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Debatte um Immanuel Kant : Kant war sehr wohl ein Rassist

Runter vom Podest der Unfehlbarkeit: Beschmiertes Standbild von Immanuel Kant in Kaliningrad Bild: Picture-Alliance

Für seine Vorurteile benötigte der Philosoph gar keine Rassentheorie. Der Reisebericht eines spanischen Gelehrten bestärkte ihn darin, Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe herabzusetzen. Ein Gastbeitrag.

  • -Aktualisiert am
          3 Min.

          Michael Wolff nimmt Anstoß an meiner Feststellung, Kant sei Rassist gewesen. Er wendet ein, dass Kants Theorie der Menschenrassen auf die Einheit der menschlichen Gattung hinauslaufe und daher seinem moralischen Universalismus nicht widerspreche. Ganz ähnlich hatte Bernd Dörflinger in einem Brief an die Herausgeber argumentiert. Wolff bezweifelt die Authentizität des Zitats aus Kants „Physischer Geographie“, auf das ich meine Aussage stütze: „Die Menschheit ist in ihrer größten Vollkommenheit in der Race der Weißen. Die gelben Indianer haben schon ein geringeres Talent. Die Neger sind weit tiefer, und am tiefsten steht ein Theil der amerikanischen Völkerschaften.“ Diese Aussage stamme eigentlich von Buffon, den Kant hier nur zitiere. Ob Kant sie sich zu eigen gemacht habe, sei unklar.

          Doch das ist falsch. Zwar ist die Authentizität der „Physischen Geographie“ umstritten (worauf ich hingewiesen hatte), aber dass Kant an dieser Stelle in eigener Stimme spricht, geht unter anderem daraus hervor, dass er sich genauso in Schriften äußert, deren Authentizität unstrittig ist. So heißt es in dem Aufsatz „Über den Gebrauch teleologischer Prinzipien“ von 1788, die „Einwohner Amerikas“ seien „unfähig zu aller Cultur“, weshalb diese „Rasse“ „noch tief unter dem Neger selbst steht, welcher doch die niedrigste unter allen übrigen Stufen einnimmt“. Eine ähnliche Rassenhierarchie hatte Kant 24 Jahre zuvor in „Über das Gefühl des Schönen und Erhabenen“ vertreten. Auch wenn Kant diese Auffassung später aufgegeben haben sollte, wie Pauline Kleingeld argumentiert, ist unstrittig, dass er jahrzehntelang an ihr festhielt.

          Pauschale Abwertungen

          Das ist in der Kant-Forschung lange bekannt und wird intensiv diskutiert, was Wolff verschweigt. Wie Dörflinger reduziert er Kants Rassismus auf seine Theorie der Menschenrassen. Mir ging es aber gerade um den Hinweis, dass Kants herabsetzende Äußerungen über Menschen anderer Hautfarbe seine spezifische Rassentheorie gar nicht voraussetzen. Wenn nämlich, wie Dörflinger feststellt, Kants biologisch-genetische Theorie der Menschenrassen gar keine Rassenhierarchie impliziert, dann heißt das ja gerade, dass Kants pauschale Herabsetzung von amerikanischen Ureinwohnern und „Negern“ nicht auf dieser Theorie beruhen kann. So stützt Kant seine Urteile über die „Einwohner Amerikas“ in der Schrift von 1788 auch nicht auf seine Rassentheorie, sondern vor allem auf den Reisebericht des spanischen Gelehrten Antonio de Ulloas. Dieser sei ein „vorzüglich wichtiger Zeuge, der die Einwohner von Amerika in beiden Hauptteilen kannte“, so Kant.

          Auch wenn Kants Rassentheorie alle Menschenrassen auf einen gemeinsamen Ursprung zurückführt, schützt ihn dies also nicht vor unhaltbaren pauschalen Abwertungen anderer Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe. Genau das ist es aber, was einen Rassisten im heute diskutierten Sinn ausmacht. Wenn „racial profiling“ heute als rassistisch gilt, dann nicht, weil diese Praxis eine (pseudo-)wissenschaftliche Theorie der Menschenrassen voraussetzte, sondern schlicht deshalb, weil sie Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe diskriminiert. Auch jemand, der den Begriff der Menschenrasse ablehnt, kann daher in diesem Sinn ein Rassist sein.

          Nicht ohne Widerspruch

          Kant in unserem heutigen Sinn als Rassisten zu bezeichnen bedeutet aber auch nicht, ihn zum Vordenker des Kolonialismus oder gar der nationalsozialistischen Rassenideologie zu machen. Es bedeutet vielmehr, anzuerkennen, dass der herabsetzende Blick auf Menschen anderer Hautfarbe ein im achtzehnten Jahrhundert wie heute weitverbreitetes Phänomen ist, von dem selbst ein scharfsinniger Kritiker wie Kant sich nicht frei machen konnte.

          Wie sollen wir heute mit Kants rassistischen Äußerungen umgehen? Eine Antwort wird unter anderem davon abhängen, ob Kants moralphilosophischer Universalismus, der allen Menschen einen absoluten Wert zuerkennt, durch seine rassistischen Aussagen in Zweifel gezogen wird, wie etwa Marina Martinez Mateo befürchtet. Das glaube ich nicht. Doch auch hier machen es sich Wolff und Dörflinger zu leicht, wenn sie behaupten, Kants rassistische Äußerungen stünden nicht im Widerspruch zu seinem moralphilosophischen Universalismus. Zwar gesteht Kant allen Menschen, auch „Negern“ und „Indianern“, gleiche Rechte zu und kritisiert Sklaverei und Kolonialismus; das ist ein historisches Verdienst. Doch wer wie Kant allen Menschen die gleiche Würde zuspricht, kann nicht ohne Widerspruch behaupten, den „Bewohnern Amerikas“ fehle die Fähigkeit zu „aller Cultur“, zumal die „Kultivierung“ für Kant ein Schritt auf dem Weg zu jener „Moralisierung“ ist, zu der unsere Menschenwürde uns befähigt und verpflichtet.

          Wenn sich Kants Universalismus gegen die postkoloniale Kritik verteidigen lässt, dann nur, indem man den Widerspruch zu Kants rassistischen (sowie sexistischen und antijüdischen) Äußerungen klar herausarbeitet, und nicht, indem man ihn leugnet. Man tut Kant keinen Dienst, wenn man ihn auf jenes Podest der Unfehlbarkeit stellt, von dem seine postkolonialen Kritiker ihn stoßen wollen.

          Marcus Willaschek lehrt Philosophie an der Universität Frankfurt.

          Frankfurter Allgemeine Zeitung

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