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Debatte in Luxemburg : Wer verdient den Stolperstein?

  • -Aktualisiert am

Die Stolpersteinverlegung löst in Luxemburg eine Debatte aus. Bild: dpa

Die geplante Verlegung von Stolpersteinen hat in Luxemburg einen Streit ausgelöst: Sind Luxemburger, die zwangsweise in die Wehrmacht eingezogen wurden, in gleicher Weise Opfer des Nationalsozialismus?

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          Vor wenigen Tagen ist Gunter Demnig aus Serbien zurückgekehrt. Er hat dort, wie zuvor in 26 anderen Ländern, Stolpersteine für Opfer des Nationalsozialismus verlegt. Inzwischen gibt es 80 000 Stück. Die Steine mit den Messingplatten, eingelassen in Bürgersteige, erinnern an frühere Bewohner angrenzender Häuser. Im Juli erschien ein wissenschaftlicher Band, der das jahrzehntelange Wirken Demnigs einordnet und in die Zukunft blickt, Titel: „Steine des Anstoßes“. Das war ungewollt prophetisch. Denn eine für den morgigen Sonntag geplante Stolpersteinverlegung in der kleinen luxemburgischen Gemeinde Junglinster macht die latent offene Grundfrage des dezentralen Mahnmals aktuell: Wer verdient einen Stein?

          Demnigs Stiftung definiert Opfer auf ihrer Website als „Menschen, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden“. Das umfasst nicht nur Juden, sondern laut Demnig „alle Opfergruppen“; im Gespräch mit dieser Zeitung erwähnt er Zwangsarbeiter und Deserteure. In Junglinster sollen nun aber, neben vier Stolpersteinen für jüdische Opfer, gleichzeitig elf Stolpersteine für Zwangsrekrutierte verlegt werden. Darunter versteht man junge Luxemburger, die während der deutschen Besatzung zwangsweise unter anderem in die Wehrmacht eingezogen wurden.

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          Mil Lorang, der über die Zeit der deutschen Besatzung in Luxemburg publiziert hat, hält die Zwangsrekrutierten aber nicht für Opfer des Nationalsozialismus. Sie seien vielmehr Opfer eines Kriegsverbrechens gemäß der Haager Landkriegsordnung. Er verweist auf die Verordnung über die Wehrpflicht in Luxemburg vom August 1942, nach der Luxemburger Zwangsrekrutierte dieselbe Grundausbildung, denselben Lohn sowie ein Anrecht auf dieselben Beförderungen und Auszeichnungen genossen wie ihre reichsdeutschen Kameraden. Auch im deutsch-luxemburgischen Abkommen zur Wiedergutmachung und Versorgung der Kriegsopfer von 1959 wird zwischen „victimes du nazisme“ und „victimes de guerre“ differenziert.

          Bernard Gottlieb ist Mitglied der jüdischen Gemeinde in Luxemburg und vertritt die Ansicht, dass mit der Verlegung von Stolpersteinen für Zwangsrekrutierte, identisch in Metall, Größe, Farbe und Design, ganz unterschiedliche Schicksale gleichgestellt würden. Das schaffe einen europäischen Präzedenzfall. Der frühere luxemburgische Diplomat Victor Weitzel rügt die Gleichsetzung der Opfergruppen als „Geschichtsrevisionismus“.

          Umstrittene Stolpersteinverlegung begann als Schulprojekt

          Differenzierter äußert sich die Historikerin Sonja Kmec von der Universität Luxemburg gegenüber dieser Zeitung. „Die Stolpersteine, die vor den Häusern der Menschen angebracht wurden, die als Juden deportiert und umgebracht wurden, verweisen nicht nur auf den Holocaust. Sie verweisen auf das Alltagsleben davor, auf den Antisemitismus der Nachbarschaft oder ihre Ge- lähmtheit während der Verfolgungen. Die Zwangsrekrutierung führte im Gegenteil dazu zu heftigen Streiks und Protesten.“ Ein Monument in Form eines Leuchtturms im luxemburgischen Wiltz erinnere daran. Diese Symbolik sei „das genaue Gegenteil der Stolpersteine“.

          Die umstrittene Stolpersteinverlegung begann als Schulprojekt im Lënster Lycée. Wie der Schulleiter Tom Nober erläutert, konnten sich die Schüler so aktiv mit der Thematik des Nationalsozialismus befassen. Er verweist auf ein Komitee, das die Verlegung plante, unter Mitwirkung verschiedener Opferverbände sowie der Gemeinde. Die Sprecherin von Bildungsminister Claude Meisch teilt mit, Ziel sei es, der Einwohner zu gedenken, „die auf unterschiedliche Art und Weise und aus unterschiedlichen Gründen Opfer des Nationalsozialismus wurden, und an ihre Einzelschicksale zu erinnern“.

          Der ehemalige Präsident des Consistoire Israélite de Luxembourg, Claude Marx, hatte im Juni an Demnig geschrieben und darauf verwiesen, dass Zwangsrekrutierte unfreiwillig Beihilfe zum Völkermord an den Juden geleistet haben könnten. Demnig fährt morgen trotzdem nach Junglinster. Für ihn sind die fünfzehn Personen, deren Namen in die Platten eingraviert sind, allesamt Opfer. Keiner der elf Zwangsrekrutierten kehrte heim. Acht sind gefallen, zwei in russischer Gefangenschaft umgekommen. Einer, Fränz Wehr, hatte sich der Einziehung entzogen,wurde am 14. Mai 1944 verhaftet, kam in ein Gefängnis nach Frankfurt am Main und wurde dort am 23. Mai 1944 erschossen. Er wurde 21 Jahre alt.

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