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Seltsame Produktnamen : Jahrhundertfrage

Nichts passiert? So stellt Peter Paul Rubens dar, wie Phaeton den Sonnenwagen zuschanden fährt. Bild: Picture-Alliance

Schwämme namens Spongy, Kühlschränke mit mehr als sechzig Buchstaben: Warum heißen die Phänomene der Warenwelt, wie sie heißen? Und was weiß VW über den Ursprung seines Namens Phaeton? Nicht viel, wie es scheint. Eine Glosse.

          2 Min.

          Wenn man einem der wenigen Rätsel des Alltags, die frühere Jahrhunderte unserem bis zur Armseligkeit entzauberten kleinen Säkulum ungelöst überlassen haben, auf die Spur kommen wollte, könnte man sich fragen,warum die Phänomene der Warenwelt heißen, wie sie heißen. Wer kam eigentlich auf die Idee, einen Staubsauger „Kobold“ zu nennen? Warum heißt Barbie nicht Herta und Ken nicht Holger? Wieso heißt ein Haushaltsschwamm „Abrazo“ und ein anderer „Spontex Universal“, vom Modell „Spongy“ des seit 1873 im Schwarzwald ansässigen Herstellers „Peggy Perfect“ ganz zu schweigen?

          Wer hat all diese tüchtigen kleinen Teufelchen, all die Schwämme und Mixer, Häcksler und Bräter, Sauger und Bläser, Kocher und Sieder, Toaster und Täuscher, Brüter und Broiler eigentlich zum ersten Mal bei ihrem Namen genannt? Überall kann Loriot seine Finger ja auch nicht im Spiel gehabt haben.

          Der Kosakenzipfel unter den Automobilnamen bleibt trotz Pinto, Punto, Ritmo und Cactus weiterhin der Phaeton, ein Volkswagen der Luxusklasse, benannt nach dem Sohn des Gottes Helios, der den väterlichen Sonnenwagen zu Klump fuhr. Auf das unglückliche Geschick des mythischen Namenspatrons angesprochen, soll ein Firmensprecher gesagt haben, das göttliche Gefährt habe den Vorfall schließlich unbeschädigt überstanden. Es sei ja nur Personenschaden entstanden.

          Da atmet der deutsche Autofahrer auf, das freut ihn in seiner kindlichen Unschuld und erleichtert sein dieseltrübes Herz, entspricht jedoch, wenn man antiker Überlieferung Glauben schenkt, so wenig der Wahrheit wie die Behauptung, alle VW-Fahrzeuge hielten die Abgasnormen ein. „Große Städte gehen mit ihren Mauern unter, und der Brand legt ganze Länder mit ihren Völkern in Asche“, so heißt es bei Ovid über den von Phaeton verursachten Kollateralschaden.

          Man kann zwar gar nicht genug auf den zu Hütchenspielen und anderen Betrügereien neigenden Teil der Auto-Manager eindreschen, sollte aber über dieser sinnvollen Tätigkeit auch andere Branchen nicht ganz aus dem Augenwinkel verlieren. Wenden wir uns also unseren Kühlschränken zu, vor allem der „LG Signature InstaView Door-in-Door LSR100 Side-by-Side Kühlgefrierkombination“. Das ist ein Name, der aus mehr als sechzig Buchstaben besteht. Wozu dieser Aufwand? Wird nicht der letzte Gletscher geschmolzen sein, bevor sich irgendein Kunde diesen Lindwurm von einer Typenbezeichnung wird merken können?

          Stumm stehen EU, BGH, EuGH und AKK, um mal wieder an die Nützlichkeit von Abkürzungen zu erinnern, vor diesen Fragen. Vor der „LG Signature InstaView Door-in-Door LSR100 Side-by-Side Kühlgefrierkombination“ versagen europäisches Recht, gesunder Menschenverstand und die Etymologie der Warenwelt gleichermaßen. Wenn das ein sprechender Name sein soll, was will er uns erzählen? Vermutlich werden wir selbst dieses mickrige kleine Rätsel ungelöst an spätere Jahrhunderte weitergeben müssen.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

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