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Oppositionshymne in Belarus : Der Soundtrack zu einem Sommer der Hoffnung

  • -Aktualisiert am

Oppositionskandidatin in Belarus: Swetlana Tichanowskaja Bild: AP

Diese Hymne der Opposition in Weißrussland hat schon einmal zum Fall einer Mauer beigetragen. Warum ganz Belarus heute eine katalanische Melodie anstimmt.

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          In Grodno unweit der Grenze zwischen Litauen, Belarus und Polen kamen am Wochenende Tausende zur Wahlkundgebung der belarussischen Oppositionskandidatin Swetlana Tichanowskaja. In der dreihunderttausend Einwohner zählenden Stadt wurde im Mai ihr Mann, der Blogger Sergej Tichanowskij, verhaftet, der bei der Präsidentschaftswahl am kommenden Sonntag kandidieren wollte.

          In dem Park der Völkerfreundschaft versammeln sich die Menschen, die für Veränderungen einstehen, und singen gemeinsam auf Belarussisch das Lied „Mauern“, das wie ein Soundtrack zu diesem Sommer der Hoffnung klingt: „Zerstör die Mauern des Gefängnisses! / Wenn du dich nach Freiheit sehnst, nimm sie dir!“, heißt es im Refrain des von Sergej Tichanowskij gemeinsam mit Sergej Kosmas eingespielten Lieds, dessen Text eine Nachdichtung des Minsker Poeten Andrej Chadanowitsch ist.

          Den ursprünglichen Liedtext hat der polnische Liedermacher Jacek Kaczmarski im Jahr 1978 verfasst. Mit der zwei Jahre später erfolgten Gründung der ersten freien Gewerkschaft Solidarność wurde es zur Hymne des Kampfes gegen die Alleinherrschaft der Polnischen Vereinten Arbeiterpartei in Polen. Der Refrain lautet: „Und die Mauern werden fallen, fallen, fallen / Und die alte Welt wird begraben!“ Das Lied von Kaczmarski hat indirekt zum Fall der Berliner Mauer beigetragen, weil in Polen offenkundig wurde, dass ein unblutiges Ende kommunistischer Herrschaft im sowjetischen Einflussgebiet möglich ist, wenn nur genügend Menschen den Glauben an die Allmacht des Staatsapparats verlieren. „Mauern“ beschreibt, wie ein Lied von den singenden Massen für ihren Kampf übernommen wird und aufhört, dem Sänger zu gehören.

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          Kaczmarski übernahm seinerseits die Melodie von dem katalanischen Liedermacher Lluís Llach, der 1968 mit „L’Estaca“ (Der Pfahl) die Hymne des katalanischen Kampfes gegen die Franco-Diktatur verfasst hatte. Da das Lied in Spanien verboten war, summte Llach nur die Melodie – seine Zuhörer kannten den Text. „Der Pfahl“ war für Llach das Sinnbild eines morsch gewordenen Staates, den man mit gemeinsamen Kräften entfernen und so die Gefesselten befreien kann.

          „Was unbegreiflich, wird begriffen“

          Polnische Poesie ist eine wertvolle Währung in einer Zeit, da in Polen die Rechtsstaatlichkeit von einer demokratisch gewählten Regierung in Frage gestellt wird. Parallel zum Wahlkampf der Swetlana Tichanowskaja in Belarus zitiert der amerikanische Theoretiker des gewaltfreien Widerstands, James Lawson, bei der Beisetzung des Menschenrechtsaktivisten John Lewis in Atlanta den polnischen Poeten Czesław Miłosz. 1988 schrieb Miłosz im Gedicht „Sinn“: „Wenn ich sterbe, sehe ich das Unterfutter der Welt. Die andere Seite, hinter dem Vogel, dem Berg und dem Untergang der Sonne. Sie rufen danach, die wahre Bedeutung zu entziffern. Was nicht gestimmt hat, wird stimmen. Was unbegreiflich, wird begriffen.“

          James Lawson erinnert an die Anfänge der schwarzen Bürgerbewegung und daran, dass seinerzeit niemand wusste, was genau zu tun sei. „Wir wussten, was falsch ist, und brachten es auf die Agenda der Nation. Black lives matters“, hallt es durch die Trauergemeinde in Atlanta. Die einzig richtige Art, das Erbe von John Lewis anzutreten, sei heute, die Verfassung der Vereinigten Staaten wortwörtlich zu nehmen und gleiche Rechte für alle zu gewähren, sagt Lawson.

          Auch das Lied von Jacek Kaczmarski enthält eine Beschreibung der derzeit in Nordamerika zu beobachtenden Polarisierung der Gesellschaft: „Sie stürmten Denkmäler und brachen das Pflaster auf. Dieser ist mit uns! Dieser gegen uns!“ Selbst in Polen geriet in Vergessenheit, dass die ursprüngliche Version des Liedtexts ein pessimistisches Ende hatte. Der Sänger stand einsam der singenden Masse entgegen. Kaczmarski notierte 1978 als letzte Zeilen: „Er betrachtet den Gleichschritt der Massen, / Schweigt vertieft in das Getöse der Schritte, / Und die Mauern, sie wuchsen, wuchsen und wuchsen, eine Kette wiegt um die Beine.“ Kaczmarski hatte 1987 erkannt, dass es nicht ausreicht, bloß gemeinsam Lieder zu singen, und wandte sich in einem Interview für die Zeitschrift „Indeks“ gegen diejenigen, die aus dem Lied eine Hymne gemacht haben und die Worte dahingehend änderten, dass es keine Mauern gebe, dass „wir losziehen, gewinnen, erobern“. Er glaube, so Kaczmarski, man müsse gehen, erobern und gewinnen und nicht davon singen.

          „Die Mauer wird bald fallen, sie wird fallen / Und die alte Welt wird begraben“

          Der belarussische Poet Andrej Chadanowitsch erhörte diese Kritik drei Jahrzehnte später nicht, sondern übernahm die Erzählung vom Ansturm des Protests zusammen mit der populären Umdichtung, die ein Happy End ohne Mauern prophezeit. So heißt es in Grodno und anderen belarussischen Städten im Sommer 2020: „Die Mauer wird bald fallen, sie wird fallen / Und die alte Welt wird begraben.“

          Diese Zeilen wurden in Minsk bereits vor zehn Jahren bei den Protesten gegen die Fälschungen der Ergebnisse der damaligen Präsidentschaftswahlen gesungen, als am Abend des 19. Dezember 2010 die Kandidaten der Opposition und Dutzende Aktivisten nach einem Protestmarsch zum Platz der Unabhängigkeit verhaftet wurden. In Grodno waren damals nur wenige hundert auf die Straße gegangen. Heute sind es im Vorfeld der Wahlen Zigtausende, mehr als bei jeder anderen Kundgebung der Opposition seit mehr als zwanzig Jahren.

          Weil „Mauern“ ein wanderndes Protestlied ist und eine Mehrheit in Belarus im Alltag Russisch spricht, wird auf der Kundgebung in Grodno im August 2020 ebenso eine russischsprachige Version zur katalanischen Melodie gesungen. Die Übersetzung stammt von dem russischen Sänger Kirill Medwedew, der sie mit seiner Band Arkadij Koz seit den Moskauer Bolotnaja-Massenprotesten gegen Wahlfälschungen 2012 bei Protestaktionen aller Art für Bürgerrechte und Naturschutz in Russland spielt. Der Refrain wird auch hier bis zum Ende in einer leicht abgewandelten optimistischen Version eingespielt: „Wenn du mit dem Rücken drückst und wenn wir gemeinsam drücken, dann werden die Mauern fallen, fallen, fallen, und wir werden frei aufatmen.“

          Ob die Wirklichkeit genauer von Jacek Kaczmarski oder von Andrej Chadanowitsch und Kirill Medwedew beschrieben wird, werden der seit 1994 regierende Präsident Aleksandr Lukaschenka und die Kräfte der Miliz, der Bereitschaftspolizei, die Truppen des Inneren, der KGB, die Armee und weitere Staatsstrukturen der Republik Belarus mitentscheiden. Sie bereiten sich in diesen Tagen auf die gewaltsame Niederschlagung von Protesten am Abend des Wahltags am 9. August vor.

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