https://www.faz.net/-gqz-a1za8

Oppositionshymne in Belarus : Der Soundtrack zu einem Sommer der Hoffnung

  • -Aktualisiert am

Auch das Lied von Jacek Kaczmarski enthält eine Beschreibung der derzeit in Nordamerika zu beobachtenden Polarisierung der Gesellschaft: „Sie stürmten Denkmäler und brachen das Pflaster auf. Dieser ist mit uns! Dieser gegen uns!“ Selbst in Polen geriet in Vergessenheit, dass die ursprüngliche Version des Liedtexts ein pessimistisches Ende hatte. Der Sänger stand einsam der singenden Masse entgegen. Kaczmarski notierte 1978 als letzte Zeilen: „Er betrachtet den Gleichschritt der Massen, / Schweigt vertieft in das Getöse der Schritte, / Und die Mauern, sie wuchsen, wuchsen und wuchsen, eine Kette wiegt um die Beine.“ Kaczmarski hatte 1987 erkannt, dass es nicht ausreicht, bloß gemeinsam Lieder zu singen, und wandte sich in einem Interview für die Zeitschrift „Indeks“ gegen diejenigen, die aus dem Lied eine Hymne gemacht haben und die Worte dahingehend änderten, dass es keine Mauern gebe, dass „wir losziehen, gewinnen, erobern“. Er glaube, so Kaczmarski, man müsse gehen, erobern und gewinnen und nicht davon singen.

„Die Mauer wird bald fallen, sie wird fallen / Und die alte Welt wird begraben“

Der belarussische Poet Andrej Chadanowitsch erhörte diese Kritik drei Jahrzehnte später nicht, sondern übernahm die Erzählung vom Ansturm des Protests zusammen mit der populären Umdichtung, die ein Happy End ohne Mauern prophezeit. So heißt es in Grodno und anderen belarussischen Städten im Sommer 2020: „Die Mauer wird bald fallen, sie wird fallen / Und die alte Welt wird begraben.“

Diese Zeilen wurden in Minsk bereits vor zehn Jahren bei den Protesten gegen die Fälschungen der Ergebnisse der damaligen Präsidentschaftswahlen gesungen, als am Abend des 19. Dezember 2010 die Kandidaten der Opposition und Dutzende Aktivisten nach einem Protestmarsch zum Platz der Unabhängigkeit verhaftet wurden. In Grodno waren damals nur wenige hundert auf die Straße gegangen. Heute sind es im Vorfeld der Wahlen Zigtausende, mehr als bei jeder anderen Kundgebung der Opposition seit mehr als zwanzig Jahren.

Weil „Mauern“ ein wanderndes Protestlied ist und eine Mehrheit in Belarus im Alltag Russisch spricht, wird auf der Kundgebung in Grodno im August 2020 ebenso eine russischsprachige Version zur katalanischen Melodie gesungen. Die Übersetzung stammt von dem russischen Sänger Kirill Medwedew, der sie mit seiner Band Arkadij Koz seit den Moskauer Bolotnaja-Massenprotesten gegen Wahlfälschungen 2012 bei Protestaktionen aller Art für Bürgerrechte und Naturschutz in Russland spielt. Der Refrain wird auch hier bis zum Ende in einer leicht abgewandelten optimistischen Version eingespielt: „Wenn du mit dem Rücken drückst und wenn wir gemeinsam drücken, dann werden die Mauern fallen, fallen, fallen, und wir werden frei aufatmen.“

Ob die Wirklichkeit genauer von Jacek Kaczmarski oder von Andrej Chadanowitsch und Kirill Medwedew beschrieben wird, werden der seit 1994 regierende Präsident Aleksandr Lukaschenka und die Kräfte der Miliz, der Bereitschaftspolizei, die Truppen des Inneren, der KGB, die Armee und weitere Staatsstrukturen der Republik Belarus mitentscheiden. Sie bereiten sich in diesen Tagen auf die gewaltsame Niederschlagung von Protesten am Abend des Wahltags am 9. August vor.

Weitere Themen

Die kalten Blicke von Tarnów

Wissenschaft und Holocaust : Die kalten Blicke von Tarnów

Eine Ausstellung in der Stiftung Topographie des Terrors zeigt „rassenkundliche“ Fotografien jüdischer Familien aus einer polnischen Kleinstadt. Im Mittelpunkt stehen die Opfer und ihr Schicksal.

Topmeldungen

Corona-Debatte im Bundestag : Merkel und der Preis des Menschenlebens

Von Merkel über Lindner bis zur AfD zog sich eine Frage durch die Debatte im Bundestag: Was gilt ein Menschenleben? Die überzeugendste Antwort gab Ralph Brinkhaus: Wir sind keine Diktatur.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.