https://www.faz.net/-gqz-9kos9

Universalität von Emojis : Erkenne dich!

  • -Aktualisiert am

Lautes Weinen, verliebtes Lächeln, Freudentränen: drei populäre Emojis, wie sie auf Apple-Geräten dargestellt werden Bild: Emoji Island

Mit den Emojis sei eine neue Universalsprache gefunden, heißt es, die Verständigung so einfach wie noch nie. Dem täglichen Nutzer, der an echter Erkenntnis interessiert ist, kommen da erhebliche Zweifel.

          Es ist so eine Sache mit der Erkenntnis. Wer hätte sie nicht gern, über sich selbst, über den anderen, über die Welt. Aber ach, so einfach ist es nicht. Schließlich gibt es ja noch, Kant sei Dank, dieses komplizierte „Ding an sich“, das wir nicht erkennen können, das Erkenntnis aber doch voraussetzt.

          Hinter dem, was wir sehen, muss es also etwas geben. Ob das, was uns erscheint, aber mit der Wirklichkeit, wie sie ist, übereinstimmt, ist ungewiss. Und wenn wir dann noch, spätmodern oder gar postmodern, annehmen müssen, das alles sei Produkt unserer Kommunikation, neben die objektive also eine subjektive Wirklichkeit trete, noch dazu digitalisiert, gibt es aus den Fallstricken der Erkenntnissuche kein Entkommen mehr. Oder doch?

          Eine Lösung für dieses Menschheitsproblem verspricht seit seiner Erfindung das Emoji. Eine neue Universalsprache sei gefunden, die Verständigung so einfach wie noch nie. Dem täglichen Nutzer aber, der an echter Erkenntnis interessiert ist, kommen da erhebliche Zweifel: Bildet das Emoji wirklich die Wirklichkeit ab? Verzücken mögen all die kleinen Aufmerksamkeiten, die der bunte Reigen an Emojis zu bieten hat. Blumen zum Beispiel. Sonnenblumen, Blumensträuße, rote Riesenrosen, violette Stiefmütterchen, rosa Geranien – hier kann man gar nicht unglücklich werden. Doch schon steht ein Streit ins Haus: Digitale Blumen zählen nicht, sagt die eine, stimmt ja gar nicht, findet die andere, ich bekomme überhaupt keine Blumen, beklagt sich der Dritte. Und da fängt das Problem erst an.

          Schon kommen leise Zweifel auf

          Bedeutet die Blume das, was sie sagen soll? Und sieht überhaupt jeder die Blume, die er sehen soll? Was wir sehen, bestimmt das Kapital. Zu dieser spätmarxistischen Einsicht kommt, wer nicht mit den neuesten Geräten ausgestattet ist und statt junger Emojis Quadrate mit Fragezeichen erhält. Wenn die Betriebssysteme gleich sind, sehen alle das Gleiche, sagen die, die sich damit auskennen. Fraglich ist, ob man da so sicher sein kann, so einzig und verschieden wir vom anderen sind, wie uns doch gerade Kant lehrt.

          Da gibt es zum Beispiel dieses komische Emoji, das mit zwei schwarzen Knopfaugen die Zunge rausstreckt, was an sich schon ungehobelt ist, hier aber besonders link daherkommt, weil die Konturen so weich gemacht sind, als wollte es frech sein, ohne die Traute zu haben anzuecken – ein Ausweis intriganten Charakters schlechthin. Die Botschaft des Senders, auf den man bislang große Stücke hielt, ist rätselhaft, der Konflikt unausweichlich, die Entwirrung der kommunikativen Fallstricke schwieriger als je zuvor. Und darauf soll ein Segen liegen?

          Nicht auszudenken, was erst passieren wird, wenn die neuen Emojis auf dem Markt sind, die für den Herbst angekündigt sind. Da soll es dann ganz inklusiv zugehen, auf dass die barrierefreie Sprache gelebte Praxis werde! Doch schon kommen leise Zweifel auf, ob jeder mit demselben Inklusionsohr ausgestattet ist, um das Zeichensystem so zu erfassen, wie es vom Sender gedacht ist. Und so bleibt am Ende nur noch eine Erkenntnis: nosce te ipsum.

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Folgen:

          Weitere Themen

          „Harri Pinter Drecksau“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Harri Pinter Drecksau“

          Jürgen Maurer spielt Harri Pinter, einen Mitvierziger, der von sich und seinem Auftritt mehr als überzeugt ist. Als seine Freundin ihn jedoch betrügt, gerät sein Selbstbild ins Wanken. Der österreichische Film läuft am 19.07.2019 um 20.15 Uhr auf arte.

          Direkter Demokrat

          Fergus Millar ist tot : Direkter Demokrat

          Er provozierte eine der heftigsten Debatten in der jüngeren Geschichte seines Faches: Zum Tod des englischen Althistorikers Fergus Millar.

          Topmeldungen

          Boris Johnson am Mittwoch in London

          Parlament gegen Johnson : Aufstand gegen den No-Deal-Brexit

          Noch ist Boris Johnson nicht Premierminister. Aber er spielt schon öffentlich mit dem Gedanken an einen Austritt ohne Abkommen. Jetzt reagiert das Parlament – und macht ihm eine solche Lösung durch einen Trick schwerer.
          Außenminister Heiko Mass (links) und sein russischer Amtskollege Sergej Lawrow unterhalten sich vor Beginn des Petersburger Dialogs in Königswinter.

          „Petersburger Dialog“ : Maas nähert sich an – Lawrow teilt aus

          Laut Außenminister Maas könnten die dringenden Fragen der Weltpolitik nur mit Russland angegangen werden. Sein russischer Amtskollege wirft Deutschland hingegen vor, sich an „einer aggressiven antirussischen Politik“ zu beteiligen.

          Verhör von Carola Rackete : „Es sollte um die Sache gehen“

          Die „Sea-Watch“-Kapitänin kritisiert nach ihrer Anhörung den Rummel um ihre Person. Der lenke vom eigentlichen Problem ab: dem Umgang mit den Migranten im Mittelmeer. Doch Racketes Äußerungen zur Seenotrettung sind in Italien umstritten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.