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Integrationsdebatte : Harmonie wird überschätzt

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Immer mehr Menschen artikulieren ihre Bedürfnisse und Interessen selbstbewusst: mehrere Migrantengenerationen, grillend in Alt-Treptow. Bild: dpa

Die Verbesserung der Teilhabechancen führt nicht zu mehr Konsens in der Gesellschaft, sondern zu Neuaushandlungen: Warum es gut ist, dass gelungene Integration das Konfliktpotential steigert. Ein Gastbeitrag.

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          In der Vergangenheit lebten wir in einem mentalen Dualismus zwischen Monokulti- und Multikulti-Positionen, die sich darin einig waren, dass man erstens keine umfassende Integrationspolitik benötige und dass man zweitens sich selbst nicht verändern müsse, nur weil arbeitende „Gäste“ oder „Flüchtlinge“ kämen.

          Die Erkenntnis, ein Einwanderungsland zu sein, und die anschließenden offensiven Diskussionen zu den Erfordernissen einer aktiven Integrationspolitik haben zwar nicht dazu geführt, dass die Mono- und Multikulti-Positionen ganz verschwunden sind, aber sie sind nicht mehr dominant. Die Positionen und Haltungen sind ähnlich divers wie die Gesellschaft insgesamt. Nicht nur die Bevölkerungsstruktur hat sich enorm verändert, sondern auch die Gesellschaft und der Lebensalltag aller Menschen. In den Institutionen bemüht man sich zunehmend, sich an die veränderten gesellschaftlichen Bedingungen anzupassen, was auch immer besser gelingt. Aber der enorme soziokulturelle Wandel überfordert offensichtlich einen Teil der alteingesessenen Bevölkerung.

          Ein mindestens genauso großer Teil scheint die Diversität zu lieben, was man nicht zuletzt daran erkennt, dass die internationalsten Städte auch die attraktivsten sind. Gleichzeitig nehmen selbst die Befürworter der Vielfalt Unstimmigkeiten und Spannungen wahr, können diese aber vielfach nicht angemessen deuten. Sie hängen mit dem bisher nicht angesprochenen Missverständnis zusammen: der Idee der konfliktfreien Gesellschaft.

          Während die beiden ersten Vorstellungen eher „typisch deutsch“ sind, gibt es eine These, von der alle ausgegangen sind und immer noch ausgehen: Eine positive Entwicklung würde daran erkannt, dass es insgesamt harmonischer zugehe. Die konfliktfreie Gesellschaft ist diesem Verständnis nach der Referenzrahmen, an dem man die Erfolge der Integration und die Entwicklung zu einer offenen Gesellschaft insgesamt erkennen könne. Genau diese Zieldimension ist nicht nur deutsch. Den Deutschen wird zwar durchaus ein großes Bedürfnis nach Harmonie und Konsens nachgesagt, aber erstaunlicherweise findet sich die These auch im gesamten englischsprachigen Raum wieder, selbst in der Wissenschaft. Und daher ist die wichtigste Frage überhaupt: Haben wir eigentlich eine realistische Erwartung davon, was das Ergebnis gelungener Integration ist? Wohin führt gelungene Integration?

          Und damit sind wir beim Kern des Problems. Wir neigen dazu, unsere Wünsche und Hoffnungen auf Begriffe zu projizieren. Die Begriffe Integration und offene Gesellschaft stehen entsprechend schlicht für etwas Positives. Diese Wertung kann und soll man vornehmen. Problematisch wird sie, sobald man daraus die Ableitung folgert: Wenn Integration gelingt und die offene Gesellschaft realisiert wurde, dann ist alles gut, harmonisch und im Einklang. Diese Vorstellung ist völlig unrealistisch. Daran gemessen werden wir immer unzufriedener, je mehr Ziele wir erreichen.

          In den vergangenen Jahrzehnten wurde unheimlich viel über Migration und Integration debattiert. Dabei ging es lediglich um die Terminologien, Beschreibungen und Definitionen, über die auch gelegentlich richtig gestritten wurde. Dies gilt für öffentliche, politische und wissenschaftliche Diskurse gleichermaßen. Jeder Wissenschaftler, der was auf sich hielt, brachte einen neuen Begriff ins Spiel oder definierte einen alten Begriff neu. Deshalb sprechen wir heute von Integration, von Inklusion, von Diversity, von Teilhabe, von Chancengleichheit, von Gleichstellung und so weiter.

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