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Die Schönste im ganzen Land : Warum Dresden München den Rang abläuft

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Wie in München, nur eine Klasse besser: die Dresdener Semperoper Bild: ddp

Wo ist es am schönsten, wo lebt man am liebsten in Deutschland? Die Münchner beginnen zu merken, dass die Dresdener ihnen den Rang abgelaufen haben. Und werden vor lauter Schreck zu Linzern.

          Es gab einmal eine Zeit, da galt München als Hauptstadt der Lebensfreude, deren Götterfunken den etwas blutarmen Verfassungspatriotismus wehrhafter Demokraten im neuen Deutschland feuriger machen sollten. Erst in der „Weltstadt mit Herz“ wurde Bonn als Geistes- und Gemütszustand auf Weltniveau gehoben, so richtig schön. Dann kam plötzlich die Wiedervereinigung und mit ihr der lange Abschied von Bonn, der auch zu einem Abschied von München wurde. „Münchner Leben“, wie ein ehedem beliebter Walzer lautet, hat seine Anziehungskraft im abermals neuen Deutschland eingebüßt. Das liegt nicht nur an Berlin. Mit Leipzig und Dresden kamen zwei weitere Konkurrenten hinzu, die Münchnern auf einmal das Leben schwermachen.

          Berlin hat nie den Anspruch erhoben, eine schöne Stadt zu sein. Es imponiert sich selbst und den anderen durch seine Größe. Dadurch unterscheidet es sich von den übrigen deutschen Städten, die, ungestört von Berliner Zwischenreden, untereinander streiten können, wer die schönste im Lande sei. Münchner irritiert allein schon diese Frage, in der sich eine für sie ungewohnte Respektlosigkeit äußert. In anderen Zusammenhängen ununterbrochen die Wohltaten des freien Wettbewerbs beschwörend, empfinden sie es als ziemlich ungezogen, überhaupt verglichen und gar wie die Schönheitskönigin aus Schneizelreuth behandelt zu werden. Doch was kann man schon vom Osten erwarten, der für Münchner zugleich der Norden ist?

          Wie sich gereizte Münchner Mut machen wollen

          Nach alter Germanenart vermuten Münchner im Norden den Zugang zur Hölle, so dass sie schon deshalb davor zurückschrecken, einmal nach Leipzig oder Dresden zu fahren, um sich mit der feinen sächsischen Lebensart bekannt zu machen. Außerdem erübrigt sich eine solche Reise ohnehin. Denn der Sozialismus hat jede höhere Kultur vernichtet und das Bedürfnis nach gefälligen Sitten und geistiger Selbständigkeit erstickt. Das weiß eh jeder oder sollte es nicht vergessen, weil’s schließlich wahr is’. Zur verschwenderischen Großherzigkeit, jeden nach seinem Gusto leben zu lassen, wie sie die Bayern und unter ihnen speziell die Münchner mit ihrer berühmten Liberalitas auszeichnet, kommt man nicht von heut’ auf morgen. Dazu braucht’s Zeit, viel Geduld und vor allem Bescheidenheit, um zu lernen und sich zu üben.

          Ein Anblick, der leicht zu Abfälligkeiten gegen München führt: die Frauenkirche in Dresden

          Mit solchen Ratschlägen versuchen gereizte Münchner, sich Mut zu machen und ihre Angst zu überspielen, einer unbequemen Herausforderung etwa nicht gewachsen zu sein. Immerhin erschüttert der unablässig wachsende Ruhm Dresdens den Alleinvertretungsanspruch Münchens auf Barock, Rokoko und festliche Gesinnung. Dem hatten sich die Westdeutschen umstandslos gefügt, schon um besondere Formen der Korruption, der Vetternwirtschaft und der Niedertracht im Umgang mit Freunden wenigsten begrifflich fassen zu können. Alles Unverständliche, Verworrene und Verschnörkelte, alles typisch Bayerische wurde als barock empfunden und allmählich sogar von ganz phantasielosen Norddeutschen amüsiert wahrgenommen.

          Warum der „Rosenkavalier“ eine Dresdner Oper ist

          Dennoch: Das barocke Bayern und das barocke München gibt es erst seit den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Es handelt sich dabei um Erfindungen des Germanisten Josef Nadler. In der Hauptstadt der Reaktion auf Berliner Anmaßung ließ man sich gern Barock als örtliches Lebensgefühl zusprechen, um sich deutlich von „den Preußen“ unterscheiden zu können. Die Dresdener beachteten allerdings schon damals derartige Münchner Absonderlichkeiten überhaupt nicht. Unübersehbar war das Dresden von 1760, verstaubt und lieblich immer noch so gegenwärtig, wie es Bellotto einst gemalt hatte, eine Hauptstadt des feierlich- verspielten Geschmacks wie sonst nur Prag und Wien. Neben Wien hielt man nur in Dresden unbeirrbar bis 1918 an der verzopften Anmut einer Welt von vorgestern fest. Ludwig Renn, als Freiherr Arnold Vieht von Golßenau geboren und Page am Dresdener Hof, hat dem „Adel im Untergang“ am Dresdener Beispiel ein liebenswürdiges Denkmal gesetzt.

          Insofern war es gar nicht verwunderlich, wenn der Münchner Richard Strauss und der Wiener Hugo von Hofmannsthal, die beide Dresden liebten und bewunderten, ihren „Rosenkavalier“ dort 1911 zuerst aufführten. Dieses reizende Spiel in einem fiktiven Rokoko, ein halb Mal lustig, ein halb Mal traurig, passte vollkommen in diese Stadt, deren Bildungsbürger und Ästheten nur zögernd Abschied nehmen wollten von der Süße des Lebens, wie sie aus der Vergangenheit, üppig und betörend parfümiert, in eine ungewisse Gegenwart strömte. Es ist nicht weiter verwunderlich, dass die Dresdener den „Rosenkavalier“, obschon er in Wien spielt, als ihre Oper einschätzen und besonders pflegen. Dresdener hatten sich immer dem Wiener Kaiser angeschmiegt – und dem Reichsstil, der in der sächsischen Residenz zu seiner letzten, überreifen Verfeinerung fand.

          Wie das „barocke München“ zum Isarmärchen wurde

          Wer neugierig auf elegant vornehmes Barock war, fuhr nach Dresden. Münchner Barock war den meisten Deutschen damals zu bairisch, zu volkstümlich, zu provinziell, auch zu katholisch. Das barocke Dresden ging im Kriege unter. Davon profitierte nach 1945 München. Doch das alte Dresden springt wie der Phönix aus der Asche auf und widerlegt erfolgreich das „barocke München“ als ein harmloses Isarmärchen. Wer den Zwinger gesehen hat, die Frauenkirche, die Hofkirche, das Grüne Gewölbe, wer sich auf Dresden und seine Geschichte einlässt, ertappt sich bald bei kräftigen Pietätlosigkeiten gegenüber der bayerischen Landeshauptstadt. Die Bewohner der ehemals heimlichen Hauptstadt Deutschlands, die weiterhin davon überzeugt sind, dass Deutschland nicht kennt, wem München unbekannt blieb, sind erschüttert und verstehen zumindest die kleine, die deutsche Welt nicht mehr.

          Dresden hat alles, was München auch hat, nur meist eine Klasse besser. Das, neben dem in Paris, schönste Opernhaus mit einem Orchester, das Richard Strauss als „Wunderharfe“ pries, ist mittlerweile auch ein prächtiger Festraum für einen Opernball. Wem neobürgerliche Manierismen lieb und nicht zu teuer sind, wird sich in Dresden wohler fühlen als in Wien, weil die Staatsoper Sempers, während des Sozialismus getreu rekonstruiert, über die raffinierteren Spielstätten verfügt. Überhaupt brauchen die Freunde von Essen und Trinken und sublimer Genüsse, die Einkaufsparadiese verheißen, in Dresden nicht zu darben. Die großartige Gemäldegalerie, die einzigartigen Sammlungen mit Porzellan und raffinierten Schmuckstücken, der sächsische Glanz verlockt dazu, sich unbeschwert weltlicher Üppigkeit hinzugeben und München dabei ganz und gar zu vergessen.

          Was den Münchnern früher nie der Rede wert erschien

          Im Übrigen ist Dresden kein Freizeitpark. Dort wird an einer der besten Technischen Universitäten Europas, auch mit geisteswissenschaftlichen Traditionen, studiert. In Dresden wird gearbeitet und Geld verdient. Es befindet sich auf dem besten Weg, seine alte wirtschaftliche Bedeutung zurückzugewinnen. Auch dieses Bemühen beunruhigt die Münchner, die seit geraumer Zeit stolz auf das sind, was ihnen früher nie der Rede wert erschien: auf ihre Tüchtigkeit, ihren Fleiß, ihre Disziplin und ihre Effizienz. Denn in München lohne sich Leistung und werde belohnt. Leistung macht stark und lockt die Leistungswilligen an, die am liebsten zusammen mit Leistungsträgern gruppendynamisch Lasten schultern und verteilen. Münchner bekommen rote Backen vor Aufregung, wenn sie die Vorzüge ihres Kraftraums wortreich erläutern.

          Dann gleichen sie Honecker und seinem kreativen Team, sobald diese wieder einmal schon erreichtes Weltniveau feiern konnten. Die wahren Erben der DDR mit deren Ansprüchen, Träumen und Minderwertigkeitskomplexen sind die Bayern und Münchner. Sie igeln sich hinter ihren Mauern ein. Bayern soll der deutsche Musterstaat sein und München die Modellstadt des einundzwanzigsten Jahrhunderts werden in einem arbeitsamen Deutschland, in dem nicht gejammert, sondern in die Hände gespuckt wird. Nach der Arbeit kommt das Spiel, dann gilt der Ruf: Freundschaft allen Menschen, die sich brüderlich an diesem jugendfrohen Weltort begegnen und einander in menschheitlicher Gesinnung umarmen wollen.

          Vor lauter Anstrengungen werden sie zu Linzern

          In München wird deswegen unentwegt umgebaut, demoliert, entkernt und umfrisiert, viel historischer Ballast abgeworfen, um ein allerneuestes München der allerneuesten Neuzeit anzupassen. Nirgendwo in Deutschland wird so viel Basic American oder „Globish“ gesprochen wie in dieser Stadt der neoliberalen Internationale. Schließlich kommen jetzt auch massiv die Chinesen und die brasilianischen Friedensfreunde. Die europäischen Brudervölker bekunden ja schon seit Jahrzehnten ihre enge Verbundenheit mit dieser unvergleichlichen „Hauptstadtmetropole“, die gleichsam eine ewige Leipziger Messe sein möchte.

          Auf jeden Fall will München das nicht mehr sein, was es war und am besten auch weiterhin sein könnte: die bayerische Landeshauptstadt. Es will aus seinem Milieu heraus, dem als kleinbürgerlich empfundenen Bayerischen. Dabei suchen dieses Milieu gerade die einwandernden Werktätigen aus Nordwestdeutschland, die während der Freizeit in bunte Trachten schlüpfen und heitere Gefühle zeigen wie andere bei Ankunft auf dem Lande. „Welch buntes Schäfertreiben Tag und Nacht, / Voll Busentüchellust, Gewänderpracht! / ... Und Hirtenstäbe tragen sie mit Bändern / Daran sich je nachdem die Farben ändern. / In allen Schenken jubiliert und tost es, / auf allen Herden prasselt es und glost es.“ Voll Kurzweil ist das Münchner Treiben.

          Diese Worte Fritz von Herzmanovskys galten allerdings dem von ihm nicht überschätzten Standort Linz, der Hauptstadt Oberösterreichs, die wirklich nicht unterschätzt werden sollte. Linz reimt sich auf Provinz. Die Münchner, die unter keinen Umständen in ihrer Voralpenfestung provinziell sein wollen, verkrampfen sich und werden vor lauter Anstrengung, mondän zu sein, zu einem Bourgeois Gentilhomme oder zu Philistern, wie man später sagte, zu Linzern. Die braucht man in Berlin, Leipzig oder Dresden nicht zu fürchten. Sie machen sich von selber lächerlich.

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