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Die Schönste im ganzen Land : Warum Dresden München den Rang abläuft

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Was den Münchnern früher nie der Rede wert erschien

Im Übrigen ist Dresden kein Freizeitpark. Dort wird an einer der besten Technischen Universitäten Europas, auch mit geisteswissenschaftlichen Traditionen, studiert. In Dresden wird gearbeitet und Geld verdient. Es befindet sich auf dem besten Weg, seine alte wirtschaftliche Bedeutung zurückzugewinnen. Auch dieses Bemühen beunruhigt die Münchner, die seit geraumer Zeit stolz auf das sind, was ihnen früher nie der Rede wert erschien: auf ihre Tüchtigkeit, ihren Fleiß, ihre Disziplin und ihre Effizienz. Denn in München lohne sich Leistung und werde belohnt. Leistung macht stark und lockt die Leistungswilligen an, die am liebsten zusammen mit Leistungsträgern gruppendynamisch Lasten schultern und verteilen. Münchner bekommen rote Backen vor Aufregung, wenn sie die Vorzüge ihres Kraftraums wortreich erläutern.

Dann gleichen sie Honecker und seinem kreativen Team, sobald diese wieder einmal schon erreichtes Weltniveau feiern konnten. Die wahren Erben der DDR mit deren Ansprüchen, Träumen und Minderwertigkeitskomplexen sind die Bayern und Münchner. Sie igeln sich hinter ihren Mauern ein. Bayern soll der deutsche Musterstaat sein und München die Modellstadt des einundzwanzigsten Jahrhunderts werden in einem arbeitsamen Deutschland, in dem nicht gejammert, sondern in die Hände gespuckt wird. Nach der Arbeit kommt das Spiel, dann gilt der Ruf: Freundschaft allen Menschen, die sich brüderlich an diesem jugendfrohen Weltort begegnen und einander in menschheitlicher Gesinnung umarmen wollen.

Vor lauter Anstrengungen werden sie zu Linzern

In München wird deswegen unentwegt umgebaut, demoliert, entkernt und umfrisiert, viel historischer Ballast abgeworfen, um ein allerneuestes München der allerneuesten Neuzeit anzupassen. Nirgendwo in Deutschland wird so viel Basic American oder „Globish“ gesprochen wie in dieser Stadt der neoliberalen Internationale. Schließlich kommen jetzt auch massiv die Chinesen und die brasilianischen Friedensfreunde. Die europäischen Brudervölker bekunden ja schon seit Jahrzehnten ihre enge Verbundenheit mit dieser unvergleichlichen „Hauptstadtmetropole“, die gleichsam eine ewige Leipziger Messe sein möchte.

Auf jeden Fall will München das nicht mehr sein, was es war und am besten auch weiterhin sein könnte: die bayerische Landeshauptstadt. Es will aus seinem Milieu heraus, dem als kleinbürgerlich empfundenen Bayerischen. Dabei suchen dieses Milieu gerade die einwandernden Werktätigen aus Nordwestdeutschland, die während der Freizeit in bunte Trachten schlüpfen und heitere Gefühle zeigen wie andere bei Ankunft auf dem Lande. „Welch buntes Schäfertreiben Tag und Nacht, / Voll Busentüchellust, Gewänderpracht! / ... Und Hirtenstäbe tragen sie mit Bändern / Daran sich je nachdem die Farben ändern. / In allen Schenken jubiliert und tost es, / auf allen Herden prasselt es und glost es.“ Voll Kurzweil ist das Münchner Treiben.

Diese Worte Fritz von Herzmanovskys galten allerdings dem von ihm nicht überschätzten Standort Linz, der Hauptstadt Oberösterreichs, die wirklich nicht unterschätzt werden sollte. Linz reimt sich auf Provinz. Die Münchner, die unter keinen Umständen in ihrer Voralpenfestung provinziell sein wollen, verkrampfen sich und werden vor lauter Anstrengung, mondän zu sein, zu einem Bourgeois Gentilhomme oder zu Philistern, wie man später sagte, zu Linzern. Die braucht man in Berlin, Leipzig oder Dresden nicht zu fürchten. Sie machen sich von selber lächerlich.

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