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Die Schönste im ganzen Land : Warum Dresden München den Rang abläuft

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Dennoch: Das barocke Bayern und das barocke München gibt es erst seit den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Es handelt sich dabei um Erfindungen des Germanisten Josef Nadler. In der Hauptstadt der Reaktion auf Berliner Anmaßung ließ man sich gern Barock als örtliches Lebensgefühl zusprechen, um sich deutlich von „den Preußen“ unterscheiden zu können. Die Dresdener beachteten allerdings schon damals derartige Münchner Absonderlichkeiten überhaupt nicht. Unübersehbar war das Dresden von 1760, verstaubt und lieblich immer noch so gegenwärtig, wie es Bellotto einst gemalt hatte, eine Hauptstadt des feierlich- verspielten Geschmacks wie sonst nur Prag und Wien. Neben Wien hielt man nur in Dresden unbeirrbar bis 1918 an der verzopften Anmut einer Welt von vorgestern fest. Ludwig Renn, als Freiherr Arnold Vieht von Golßenau geboren und Page am Dresdener Hof, hat dem „Adel im Untergang“ am Dresdener Beispiel ein liebenswürdiges Denkmal gesetzt.

Insofern war es gar nicht verwunderlich, wenn der Münchner Richard Strauss und der Wiener Hugo von Hofmannsthal, die beide Dresden liebten und bewunderten, ihren „Rosenkavalier“ dort 1911 zuerst aufführten. Dieses reizende Spiel in einem fiktiven Rokoko, ein halb Mal lustig, ein halb Mal traurig, passte vollkommen in diese Stadt, deren Bildungsbürger und Ästheten nur zögernd Abschied nehmen wollten von der Süße des Lebens, wie sie aus der Vergangenheit, üppig und betörend parfümiert, in eine ungewisse Gegenwart strömte. Es ist nicht weiter verwunderlich, dass die Dresdener den „Rosenkavalier“, obschon er in Wien spielt, als ihre Oper einschätzen und besonders pflegen. Dresdener hatten sich immer dem Wiener Kaiser angeschmiegt – und dem Reichsstil, der in der sächsischen Residenz zu seiner letzten, überreifen Verfeinerung fand.

Wie das „barocke München“ zum Isarmärchen wurde

Wer neugierig auf elegant vornehmes Barock war, fuhr nach Dresden. Münchner Barock war den meisten Deutschen damals zu bairisch, zu volkstümlich, zu provinziell, auch zu katholisch. Das barocke Dresden ging im Kriege unter. Davon profitierte nach 1945 München. Doch das alte Dresden springt wie der Phönix aus der Asche auf und widerlegt erfolgreich das „barocke München“ als ein harmloses Isarmärchen. Wer den Zwinger gesehen hat, die Frauenkirche, die Hofkirche, das Grüne Gewölbe, wer sich auf Dresden und seine Geschichte einlässt, ertappt sich bald bei kräftigen Pietätlosigkeiten gegenüber der bayerischen Landeshauptstadt. Die Bewohner der ehemals heimlichen Hauptstadt Deutschlands, die weiterhin davon überzeugt sind, dass Deutschland nicht kennt, wem München unbekannt blieb, sind erschüttert und verstehen zumindest die kleine, die deutsche Welt nicht mehr.

Dresden hat alles, was München auch hat, nur meist eine Klasse besser. Das, neben dem in Paris, schönste Opernhaus mit einem Orchester, das Richard Strauss als „Wunderharfe“ pries, ist mittlerweile auch ein prächtiger Festraum für einen Opernball. Wem neobürgerliche Manierismen lieb und nicht zu teuer sind, wird sich in Dresden wohler fühlen als in Wien, weil die Staatsoper Sempers, während des Sozialismus getreu rekonstruiert, über die raffinierteren Spielstätten verfügt. Überhaupt brauchen die Freunde von Essen und Trinken und sublimer Genüsse, die Einkaufsparadiese verheißen, in Dresden nicht zu darben. Die großartige Gemäldegalerie, die einzigartigen Sammlungen mit Porzellan und raffinierten Schmuckstücken, der sächsische Glanz verlockt dazu, sich unbeschwert weltlicher Üppigkeit hinzugeben und München dabei ganz und gar zu vergessen.

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