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Wer ist Donald Trump? : Der Narzisst

  • -Aktualisiert am

Vor der amerikanischen Flagge steht er immer. Aber kennt Donald Trump sein Land wirklich? Dafür müsste er über sein Ego hinausblicken. Bild: AP

Donald Trumps Schwäche ist seine Selbstverliebtheit. Er schaut nur auf sich und verkennt, dass es zwei Amerikas gibt und Puritanismus herrscht. Ihn wird niemand ins Wohnzimmer lassen. Ein Gastbeitrag.

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          Das Auftauchen von Donald Trump als realistischer Präsidentschaftskandidat schockiert viele Leute, was angemessen ist, aber Trump hat Vorläufer und ist ganz einfach eine weitere geschmacklose Erscheinungsform der nativistischen Bewegung aus den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts und einer Gruppe, die als Know-Nothing-Party bekannt ist. Wenn diese Leute gefragt wurden, woran sie glaubten, lautete die Antwort: „Ich weiß nichts außer dem, was in der Verfassung steht.“ Ob sie dieses Dokument je gelesen hatten, wurde nicht erörtert.

          Ich bin überzeugt, dass es zwei Amerikas gibt: die egalitäre Gesellschaft, die sich Thomas Jefferson und Abraham Lincoln vorgestellt hatten, und eine gewalttätige Subkultur, die ihre Ursprünge im Bürgerwehr-Ethos unserer kolonialen Vorfahren hat. Ihre wesentlichen Kennzeichen sind Körperlichkeit, Rassismus, Misogynie, eine Vergötterung von Waffen und Militarismus, Xeno- und Homophobie und Stolz auf die eigene Ignoranz.

          Trump kennt nur seine Anhängerschaft

          Seltsamerweise sind viele dieser Leute sympathisch. Ich habe mit ihnen auf den Ölfeldern gearbeitet. Sie waren die tapfersten und stoischsten Menschen, die ich je kennengelernt habe. Sie beschwerten sich nie über den schlechten Lohn oder die elendige Arbeit, und sie aßen ihr Brot, als wäre es Eiscreme. Aber sie fürchteten Frauen und Farbige und Gebildete, von denen sie annahmen, dass diese auf sie herabsahen. Deshalb schenkten sie Demagogen in Denim immer Gehör.

          Daumen hoch: Sein Publikum hat Trump im Griff.
          Daumen hoch: Sein Publikum hat Trump im Griff. : Bild: AP

          Trump kennt seine Anhängerschaft. Das sollte er wohl auch. Er hat Millionen an ihnen verdient. Ein Spielcasino mag ein toller Ort sein, um sich zu amüsieren, aber es ist der Ort der Getriebenen und Süchtigen und jener, deren geheime Absicht es ist, zu verlieren. Trump hat sich den Narzissmus patentieren lassen. Trump gleicht der Titelgestalt in John Drydens Heldensatire „Mac Flecknoe“, der auf einem Thron aus seinen eigenen Exkrementen saß. Trumps Tragik liegt darin, nicht zu begreifen, dass Amerika immer noch ein puritanisches Land und das Land von Norman Rockwell ist. Ich erinnere mich, wie ein Reporter den Erfinder von „Bonanza“ nach dem Erfolgsgeheimnis der Langzeit-Serie fragte. „Ganz einfach“, antwortete der, „wir haben Charaktere erfunden, mit denen eine amerikanische Familie sich so wohlfühlt, dass sie sie jeden Sonntagabend in ihr Wohnzimmer einlädt.“

          Amerikaner mögen mit den Proleten und Neureichen im Dunkel des Kinosaals lachen, aber sie würden sie nicht nach Hause einladen.

          Auf jene, die das Christentum für sich beanspruchen, muss man achten. Ich glaube, einen von denen hatten wir kürzlich, und ich glaube auch, dass die Welt noch Jahrzehnte dafür wird bezahlen müssen.

          Wie geht es nun weiter? Trotz unserer Probleme und Fehler wird es schon klappen. Mit der Wahl Obamas zum Präsidenten haben wir der ganzen Welt gezeigt, dass wir noch immer das Land von Jefferson und Lincoln sind. Unsere kulturellen Wahrzeichen sind Baseball, Hot Dogs, Coca-Cola, Jazz und Rock ’n’ Roll. Wir wursteln herum und haben keine Ahnung von Außenpolitik, und wir haben uns in die Rolle einer neokolonialen Macht verirrt, ohne zu wissen, was der Begriff bedeutet. Dennoch haben wir die Länder unserer Feinde mit dem Marshallplan wiederaufgebaut. Alles in allem, glaube ich, sind wir immer noch ein ganz netter Haufen, und mit ein bisschen mehr Toleranz, Zurückhaltung und Erfahrung werden unsere Gegner vielleicht dasselbe über uns denken.

          Der Schriftsteller James Lee Burke

          James Lee Burke, 79, hat mehr als zwanzig Romane geschrieben und seinen Durchbruch vor allem mit den Krimis um den Südstaaten-Polizisten Dave Robicheaux geschafft. Er lebt in Louisiana. In diesen Tagen ist bei Heyne Hardcore der Roman „Fremdes Land“ (756 Seiten, 17,99 Euro) erschienen.

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