https://www.faz.net/-gqz-978qm

Junge Sozialisten : Untot in der SPD

  • -Aktualisiert am

Gar nicht so harmlos: Die #nogroko-Kampagne der Jusos. Bild: dpa

Früher hatten die Jusos keine Macht, aber Theorien. Heute ist es umgekehrt: Eben in dem Moment, da sie einem Umsturz der Verhältnisse so nah wie nie zuvor ist, verfügt sie über keinen eigenen Plan. Ein Gastbeitrag.

          4 Min.

          Das letzte Mal, als die Jusos den nahenden Umsturz kommen sahen, in den frühen siebziger Jahren, da hatten sie die Gesellschaft ausanalysiert, und es ging nicht, wie heute, um die Verhinderung einer großen Koalition. Sondern um „Stamokap“, den „Staatsmonopolistischen Kapitalismus“, und wie man den abschafft.

          Die Bürgerkinder des SPD-Nachwuchses wussten in den ideologieseligen Siebzigern, wer wegmusste, nämlich die „Monopolbourgeoisie“. Und die CDU galt nicht als politischer Gegner; sie war der „Klassenfeind“ (Juso-Chef Klaus Uwe Benneter). „Kleinkapitalisten“, Arbeiter und Bauern sollten die Zukunft bestimmen; wenn man die nur befreien würde, ginge schon irgendwann die rote Sonne des Sozialismus auf, vielleicht erst mal über den Umweg einer Art bundesrepublikanischer Planwirtschaft. Die Jusos hatten damals keine Macht. Aber Theorien.

          Gar nicht so harmlos

          Jetzt ist es umgekehrt. Es ist wieder Zeit des Umsturzes, aber der Revolutionsführer Kevin Kühnert hat keine Theorie. Keinen Klassenfeind. Keinen Plan. Die Ziele der Jusos sind geradezu rührend harmlos: gleicher Lohn für Frauen, höhere Steuern für „Reiche“, und „Chancen auf eine Bude in deiner Lieblingshood“.

          Kürzlich hat sich Kühnert mit einer der traurigsten Phrasen überhaupt vernehmen lassen, nämlich, dass „Personaldiskussionen“ nicht „Inhalte“ überlagern dürften. Nur eines ist nicht harmlos: seine #nogroko-Kampagne. Die läuft gut. Mit unabsehbaren Konsequenzen.

          Anders als seine Juso-Ahnen hat Kühnert keine Vorstellung, was kommen soll, wenn er Erfolg hat. Dafür hat er eine Macht, die jene nie hatten und die ihnen vielleicht Angst gemacht hätte – sie hätten dann ihren Sozialismus womöglich verwirklichen müssen.

          Hauptrolle in der deutschen Politik

          Nein, dem freundlichen jungen Mann Kevin Kühnert reicht der Hashtag #nogroko, um den Umsturz zu organisieren. Und anders als in den Siebzigern seine Vorgänger, könnte er auch noch erfolgreich sein. Nur, was ist der Erfolg? Wenn die große Koalition nicht kommt, dafür aber eine Neuwahl, bei der, nach jetzigem Umfragestand, CDU und SPD zusammen nur noch auf 46 Prozent kämen? Oder wenn sich eine CDU-Minderheitsregierung für jedes Gesetz eine Mehrheit zusammensuchen müsste? Es wäre das Ende der alten Bundesrepublik. Stabilität war – womöglich nicht zu Unrecht angesichts der deutschen Geschichte – das bundesrepublikanische Gebot.

          Völlig unverhofft hat die Jugendorganisation der SPD eine Hauptrolle in der deutschen Politik bekommen. Scheinbar aus dem Nichts sind die Jusos, wie die Untoten der alten Bundesrepublik, wieder erschienen, so, als wollte die alte Bundesrepublik, bevor sie verschwindet, noch einmal zeigen, wie schön doch die alten Tage waren, als Theorieüberschuss die stabile zweite deutsche Republik noch stabiler machte.

          Plötzlich beliebt

          Die Jusos verhalfen zu ihren besten Zeiten, als Teilnehmer wie als Projektionsfiguren einer ideologischen Auseinandersetzung, Freund und Feind zu einer klaren Identität. Nur eines waren sie nicht: Revolutionäre mit der realistischen Aussicht auf den Erfolg, möglicherweise das System zum Einsturz bringen zu können.

          Man kann es, angesichts der Presse, die Kevin Kühnert hat, gar nicht mehr glauben: „Der Juso“ war mal sehr unbeliebt. Kühnert kann über sich das lesen: „charismatisch“, „fokussiert“ im Gegensatz zur „aufgebrauchten“ Alt-Riege, sei der Juso-Mann schrieb die „Welt“. „Bild“ fragte: „Kühnert hat es vorgemacht: Warum hauen nicht mehr auf den Putz?“ Die „Neue Osnabrücker Zeitung“ schwärmte von Kühnerts „Charakterstärke“, „Stil“ und „politischem Instinkt“.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Unruhen wegen George Floyd : Ausgangssperre in Los Angeles

          Die Gewalt in Amerika eskaliert. In Detroit wird ein Demonstrant erschossen, in Oakland ein Polizist. Minnesotas Gouverneur entschließt sich zu einem einmaligen Schritt – und Trump gießt weiter Öl ins Feuer. Er beschuldigt linke Gruppen, hinter den Unruhen zu stecken.
          Der Start am Weltraumbahnhof in Florida

          Cape Canaveral : Erste bemannte SpaceX-Rakete erfolgreich gestartet

          Es ist der erste bemannte Weltraumflug Amerikas seit neun Jahren – die Privatfirma SpaceX hat ihre Crew-Dragon-Kapsel ins All geschickt. Der erfolgreiche Start der zweistufigen Rakete bedeutet eine grundsätzliche Abkehr von der Art und Weise, mit der Astronauten bisher in den Orbit befördert werden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.