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Legalisierung von Drogen : Schützt unsere Kinder, stoppt die Prohibition!

Es war der Krieg, der die Kriminalität herbeiführte, nicht umgekehrt: „Um fünf Uhr früh traten wir ihnen die Tür ein, zogen sie aus ihren Betten, meistens waren es Teenager, riefen die Reporter an, und mein Chef sagte zu ihnen: ,Wir haben Hunderte von Drogendealern verhaftet. Wenn wir nichts tun, werden sie die Gesellschaft zerstören. Wir brauchen dringend mehr Geld und bessere Ausrüstung, schnellere Autos, kugelsichere Westen und härtere Gesetze.‘“ Schließlich hatte man gerade erst die Abteilung ausgebaut, die wollte auch im nächsten Jahr bezahlt werden. Die verhafteten Kids aber wanderten ins Gefängnis, für sieben Jahre.

Der Rassismus des „War on drugs“

Als sie ihre Strafe abgesessen hatten, hatten sie keine Ausbildung und einen schlechten Ruf. „Was konnten sie tun? Sie kehrten sich wieder der Drogenszene zu“, sagt Cole. „Nur diesmal wurden sie echte Drogenhändler.“ Es gebe einen Spruch bei Leap, sagt Cole, der das Problem folgendermaßen beschreibt: „Man kann seine Sucht überwinden, aber nie seine Verurteilung.“ Wer eine solche Dynamik für Aktivistenfolklore hält, kann Ähnliches auch von André Schulz hören, dem Chef des Bundes Deutscher Kriminalbeamter: „Wir als Polizei“, sagt er, „vergeben den Stempel ,Drogenkrimineller‘. Es gibt Karrieren in diesem Bereich, die wir selber schaffen. Wir legen Akten an, wir stigmatisieren Drogenkonsumenten.“

Rund 1600 Vorträge hat Cole hinter sich, aber die Kraft seiner Rede liegt nicht nur daran, dass er mittlerweile ganz gut weiß, wo er seine Pointen setzen muss, damit seine Geschichte so spannend ist wie ein Drehbuch zur Fernsehserie „The Wire“. Cole ist ein guter Redner, aber das ist nicht der Grund, warum er regelmäßig eingefleischte Gegner überzeugt. Sein Vortrag ist vollgestopft mit Statistiken und Studien, die seine Thesen stützen, Zahlen über die sich ständig vervielfachenden Milliardenbudgets der Drogenpolizei und den traurigen Weltrekord der amerikanischen Gefangenenrate, Zahlen, die die Wirkungslosigkeit der Maßnahmen belegen und den unübersehbaren Rassismus dieses Krieges: 13,5 Prozent der Drogendelikte werden von Schwarzen begangen, das entspricht in etwa dem Anteil an der Bevölkerung, unter den Verhafteten sind es 37 Prozent, im Gefängnis sind sie die deutliche Mehrheit, 60 bis 81 Prozent der Gefangenen, die für Drogen inhaftiert werden, sind Schwarze.

Sogar die Treppensturztoten sind keine Metapher, es waren, 1969, genau 1824; 1601 starben an Drogen.

Die Folgen der Illegalität

Coles interessanteste Zahl aber ist eine, die seit hundert Jahren gleich geblieben ist: 1,3 Prozent - die Zahl der Drogenabhängigen in den Vereinigten Staaten. 1,3 Prozent, so schätze man, konsumierten Opiate, bevor sie 1914 verboten wurden; 1,3 Prozent waren es 1970, als Nixon den Drogen den Krieg erklärte, 1,3 Prozent waren es über vierzig Jahre später, im Jahr 1999. Wer genau als abhängig gilt, hängt etwas von der Definition ab, entscheidend aber ist: Es gibt keinen Beweis dafür, dass die Legalisierung den Konsum hochtreibt. Dafür gibt es, aus Ländern wie Portugal oder der Schweiz, ermutigende Belege für das Gegenteil, und zwar sogar mit vorsichtigen Reformen, die lange nicht das ganze Potential der Legalisierungseffekte nutzen.

Es geht den Befürwortern der Legalisierung nicht nur um die Reduzierung des Konsums, sondern vor allem darum, die weitreichenden Folgen der Illegalität zu beenden: Gewalt, Morde, gescheiterte Staaten und die Profite der organisierten Kriminalität. Dass man dabei aber das Schicksal der Abhängigen vergisst, ist ein Vorwurf, der sich nicht einmal belegen lässt. Was wirklich verantwortungslos ist, ist, sich hinter der Vermutung zu verstecken, das Verbot hätte eine präventive Wirkung.

Cole beendet seinen Vortrag gern mit einem Bild aus dem Jahr 1932 von Aktivistinnen der Women’s Organisation for National Prohibition Reform, die sich für das Ende der Alkoholprohibition einsetzten, weil sie genug von der Mafia und der Korruption hatten, genug von Polizeigewalt und schwarzgebranntem Schnaps. Ihr Motiv war einfach, man kann es auf dem Wagen lesen, vor dem sie sich fotografieren ließen: „Protect our Youth, Save our Children, Stamp out Prohibition!“

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