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Legalisierung von Drogen : Schützt unsere Kinder, stoppt die Prohibition!

Wer es wagt, diese Logik in Frage zu stellen, dem hält man Verantwortungslosigkeit entgegen, und wer mit der Forderung nach Legalisierung nicht nur Coffeeshops und Marihuana als Medizin meint, sondern jene der ganz harten Drogen, dem empfiehlt man gern, mal für einen Tag eine Suchtberatung zu besuchen. Den Witz an der Forderung nach Legalisierung will man einfach nicht kapieren: Es sind eben längst nicht mehr ein paar kiffende Rapper oder realitätsfremde Hippies, die sich für die Legalisierung einsetzen, weil sie in Zukunft gern ihr Dope im Biomarkt kaufen wollen. Es sind vor allem Ärzte, Psychologen, Sozialwissenschaftler, Richter - Fachleute, die sehr gut wissen, wie gefährlich die Folgen des Drogenkonsums sind; die wissen, dass das Haschisch von heute kaum noch etwas mit dem Gras von gestern zu tun hat; die wissen, dass Cannabis eine Einstiegsdroge sein kann, vor allem für eine Karriere als Dealer; die wissen, wie viele Leute an einer Überdosis Heroin sterben, und zwar vor allem deshalb, weil man bei dem Zeug von der Straße nie sicher sein kann, wie rein es ist. Und es sind endlich auch die mutigsten unter den Polizisten, die sagen: Drogen machen abhängig, dumm, kriminell, psychotisch, korrupt und manchmal auch tot. Und wer das ändern will, muss sie endlich legalisieren.

Aus der Perspektive eines demoralisierten Kriegers

Vor ein paar Monaten etwa hat der Schildower Kreis, ein Netzwerk von Kriminologen, Strafrechtlern, Suchtexperten, ein Manifest veröffentlicht, das die Prohibition für „gescheitert, schädlich und teuer“ erklärt. 122 Professoren haben es unterzeichnet, sie fordern die Einrichtung einer Enquête-Kommission des Bundestages, damit ihre Argumente endlich auch von jenen gehört werden, die die verheerenden Gesetze ändern können. In der Großen Koalition stellt man sich taub, gehört hat den Appell aber ein anderer Verein: die Kollegen von der Kripo. Jetzt fordert auch der Bund Deutscher Kriminalbeamter, den Konsum in Deutschland zu entkriminalisieren.

In den Vereinigten Staaten, dort also, wo vor 46 Jahren der „War on drugs“ begann, formierte sich dieses Umdenken vor zwölf Jahren, als fünf Polizeibeamten die Organisation LEAP gründeten: Law Enforcement Against Prohibition. Abgeschaut hatten sie sich das von den Renegaten eines anderen Krieges, den Vietnam Veterans Against the War. In beiden Fällen ging es um das Gleiche: der Ideologie die Erfahrungen vom Kampf an der Front entgegenzusetzen. Einer der Gründer ist Jack A. Cole, ein freundlicher Bostoner Ex-Cop, der bis zu seiner Pensionierung bei der New Jersey State Police arbeitete, vor allem undercover. Seit Jahren reist er um die Welt, um den Wahnsinn des Kampfes gegen die Drogen aus der Perspektive eines demoralisierten Kriegers zu schildern.

Sieben Jahre Haft für einen Joint

Fast immer hält Cole den gleichen Power-Point-Vortrag, fast immer beginnt er, wo man beginnen muss, um die Gründe für das Desaster zu erklären, im Jahr 1968, bei Richard Nixon, der mit dem Slogan vom „War on drugs“ in den Wahlkampf zog. Vier Jahre zuvor hatte Cole den Polizeidienst begonnen, als einer von rund 1700 Polizisten in New Jersey, sieben davon arbeiteten im Drogendezernat. Nach Nixons Wahl zum Präsidenten, im Oktober 1970, waren es plötzlich 76. Und das große Problem des Kriegs gegen die Drogen waren die Drogenabhängigen: Außer ein paar Kiffern gab es kaum welche. „1970 war es wahrscheinlicher, an einem Sturz von der Treppe zu sterben als an Drogen“, sagt Cole.

Noch schwieriger war es, Dealer zu finden. Aber wozu hatte man eine gut ausgestattete Abteilung. Ein Drittel der Drogencops, erinnert sich Cole, wurde zum Undercover-Dienst eingeteilt, auch er. Er freundete sich mit College-Kids an, und wenn er welche gefunden hatte, die neugierig genug waren, fragte er sie, ob sie nicht high werden wollten. Dann behielt er den Rest des Joints als Beweismittel, und weil er vorher ja im Kreis herumgereicht wurde, wurden aus den Kiffern Dealer: „Damals“, sagt Cole, „gab es nur ein Gesetz. Darin stand einfach, dass es illegal ist, Betäubungsmittel zu verbreiten, man musste sie nicht einmal verkaufen.“

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