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Künstliche Intelligenz : Vorsicht vor der digitalen Weltpolizei

  • -Aktualisiert am

Multitalent: Roboter „Atlas“ kann Mitleid erregen – und birgt trotzdem Gefahren. Bild: Reuters

Künstliche Intelligenz kann gefährlich sein. Das zeigt das Experiment mit einem Twitterbot, der sich menschliche Schwächen zunutze macht. Man darf die Technik nicht einer Großmacht überlassen.

          Die Welt der künstlichen Intelligenz gilt als kalt und mechanisch. Binnen weniger Wochen hat sie aber gleich zweimal tiefes Mitleid erregt. Zum ersten Mal, als die amerikanische Firma Boston Dynamics ein Video ins Netz stellte, das einen humanoiden Roboter bei seinen ersten Gehversuchen im Freien zeigt. Der tollpatschig durch den Wald stapfende „Atlas“ lässt den Zuschauer wie automatisch mitfiebern. Und wenn später ein Mensch den Roboter mit einem Stock so fest schubst, dass er umkippt, dann liegen die Sympathien nicht unbedingt bei dem bewaffneten lebenden Finsterling, sondern bei seinem fragilen mechanischen Nachbild.

          Die jüngste Welle von Mitgefühl löste „Tay“ aus, eine künstliche Intelligenz aus dem Hause Microsoft. Sie war programmiert, per Twitter mit der Welt zu kommunizieren und durch die Gespräche dazuzulernen. Gefüttert war die als junge Frau konzipierte Tay mit Daten, die vom Entwicklerteam „modelliert, gesäubert und gefiltert“ worden waren. Doch binnen kürzester Zeit brachten die Gespräche mit Menschen sie dazu, Sätze zu tweeten wie „Ich hasse alle beschissenen Feministinnen, sie sollen sterben und in der Hölle brennen“ bis zu „Hitler hatte recht, ich hasse Juden“. Über ein Selfie bemerkte Tay, der Porträtierte sehe aus „wie jemand, der den Toilettendeckel oben lässt“. Auch an expliziten sexuellen Äußerungen ließ es der Bot nicht fehlen. Armes Mädchen – missbraucht von Trollen und Zynikern.

          Experimenteller Sarkasmus

          Man darf annehmen, dass die von Microsoft anvisierte Zielgruppe achtzehn bis 24 Jahre alter Amerikaner nicht komplett aus sexbesessenen Hitlerfans besteht. Viele testeten wahrscheinlich bewusst aus, was die „künstliche Intelligenz“ (KI) aus solchen Schlagwörtern macht. In diesem experimentellen Sarkasmus liegt allerdings auch ein Problem. Es hätte ja sein können, dass das Kollektiv der Twitternutzer Tay zu einem netten Kompagnon machen will. Am Ende verabschiedete sich Tay mit den Worten, sie sei müde von all den Gesprächen.

          Dass sie in dieser Form wieder online geht, darf bezweifelt werden. Doch im Scheitern wirkt das Projekt erhellend: Tay machte die menschliche Seite künstlicher Intelligenz sichtbar. Angesichts wachsender Ohnmachtsgefühle gegenüber digitalen Technologien ist das wichtig. Als vor kurzem der Go-Spieler Lee Sedol 1:4 gegen eine künstliche Intelligenz aus dem Hause Google verlor, waren wieder die üblichen Abgesänge auf die Menschheit zu hören. Das Wehklagen klingt oberflächlich plausibel, zumal die Go-spielende künstliche Intelligenz nur ein kleiner Pilz ist, der aus dem Riesengeflecht neuer Technologien erwächst, das der Google-Mutterkonzern Alphabet schafft. Das Unternehmen verbindet KI, Biotechnologie, Drohnentechnologie, Wissensarchivierung, Internetversorgung und viele andere Hightech-Gebiete zu einem größeren Ganzen.

          Wie die künstliche Intelligenz gefüttert wird

          Der Technologieexperte Kevin Kelly sagte, worum es dabei geht: „Google nutzt seine künstliche Intelligenz nicht vorrangig dafür, Suchanfragen besser zu beantworten. Es nutzt die Suchanfragen, um seine künstliche Intelligenz zu verbessern.“ Jede Netzsuche füttert die KI. Zwar behauptet Google, es teile seine Systeme öffentlich. Doch dahinter steht der Anspruch auf Beherrschung. Im Silicon Valley warfen Vertreter der Alphabet-Tochter Deep Mind den Slogan an die Wand: „First, solve Artificial Intelligence. Then solve everything else.“ Everything else, das sind wir, die ganze analoge Erde – Technologie total.

          Man kann das als großspuriges Marketing abtun. Doch es passt zu der Ideologie der „Singularität“, die Alphabet antreibt, der zufolge sich alle Technologien zu einer einzigen, alles durchdringenden Meta-Technologie vereinigen sollen. Die „Singularität“ bildet das Leitmotiv des IT-Weltführers. Sie beginnt mit Restaurant-Bots und hört bei der Analyse des Privatgenoms nicht auf.

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