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Kolumne „Stallgeruch“ : Wenn das Huhn Zähne hätte, würde es sie sehr oft fletschen

  • -Aktualisiert am

Freilandhaltung unter strenger Aufsicht eines Hahns Bild: picture alliance / Countrypixel

Tutmosis nannte sie die Vögel, die täglich gebären: Es gibt etwa zweihundert Hühnerrassen, aber mit keiner davon ist die Kommunikation einfach. Woran liegt das?

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          Nicht kleiner als 120 Zentimeter in Höhe und Breite dürfen Kirchturmhähne sein, um von unten als Exemplar von Gallus gallus erkennbar zu sein. Das geflügelte Tier aus Edelstahl oder Kupfer ist auf einer Kugel befestigt, dank derer es sich weder zu leicht und schnell noch zu schwerfällig in den Wind drehen soll. Zu der praktischen Seite des Artefakts, das sich seit dem neunten Jahrhundert auf katholischen und postreformatorisch genauso auf protestantischen Gotteshäusern findet und, anders als Stern, Erdkugel oder Kreuz, die Windrichtung anzeigen kann, tritt seine einleuchtende und machtvolle christliche Symbolik. Der Hahnenschrei steht für Morgenröte, für das Ende der Nacht und den Anbruch eines neuen Tages, so wie Christus für den Beginn eines neuen Lebens in Gott steht. Die Nacht, das Reich der Dunkelheit und der Dämonen, geht über in den Tag, in Klarheit, Erkenntnis Gottes und Erweckung zum Glauben. Noch bevor der Hahn dreimal gekräht habe, sagt Jesus voraus, werde Petrus ihn verraten haben – noch in der Nacht, meint das, in der Dunkelheit der Untreue und des Verrats. Darum gilt der Hahn auch als Symbol, wachsam zu sein, denn mit seinem Ruf wird der Verrat offenbar.

          Kommt ein neuer Hahn auf den Turm, geschieht dies unter dem Vollzug interessanter Rituale. Zunächst wird der Metallvogel in seiner Kirche geweiht und einige Zeit ausgestellt. Danach nehmen ihn die Handwerker, die ihn angefertigt haben, mit sich und stellen ihn in jedem Haus der Gemeinde vor. Erst wenn alle Dorfbewohner ihn aus der Nähe gesehen haben, erklimmt ein Dachdecker oder ein Indus­triekletterer über die Steigeisen im Kirchendach den Turm und befestigt den Gockel. Von seiner Schönheit und Pracht durften sich die Gläubigen aus der Nähe überzeugen, um sich später daran zu erinnern, dass der Hahn weit über ihren Köpfen thront und sie von oben herab zu Aufrichtigkeit, Treue und Mut mahnt, die Verräter aber unter ihnen zur Reue auffordert.

          Bild: F.A.Z.

          Es ist der Schrei des Hahns, nicht sein Blick oder Gebaren, mit dem er die Menschen erreicht, und das ist bezeichnend. Denn anders als Säugetiere haben Hühner keinen Gesichtsausdruck, den Menschen lesen und interpretieren können. Das verursacht Tierethologen Probleme, deren häufig recht einfache Versuchsaufbauten dazu angelegt sind, zu erforschen, unter welchen Umständen sich Nutztiere wohlfühlen und artgerecht halten lassen. Das Huhn hat keine Ohren, die es spitzen oder anlegen könnte. Es hat keine Zähne zum Fletschen – oder zum Kauen, weswegen es mit der Nahrung ab und an ein kleines Steinchen mit aufpickt, das im Magen beim Zerkleinern der Nahrung hilft. Es kann mit seiner Zunge keine Hände ablecken, seine Nase nicht rümpfen oder mit ihr stupsen wie Ziegen, Schafe, Kühe oder Ponys. Das Huhn kann durch sein Gesicht und Gebaren wenig Empathie auslösen.

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