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Debatte um Zölibat : Als Verzicht zum Alltag gehörte

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Eine Lebensform, die in Verruf geraten ist: Keuschheit Bild: dpa

Im modernen Zeiten wird es schwieriger, keusch zu leben. Warum die gegenwärtige Debatte um den Zölibat an etwas sehr Unzeitgemäßes erinnert.

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          Mit einer Frau verheiratet sein soll der Leiter einer christlichen Gemeinde. Das fordert der Autor des (zu Unrecht) dem Apostel Paulus zugeschriebenen Ersten Timotheus-Briefes vielleicht zu Beginn des zweiten Jahrhunderts. Unstrittig ist diese Übersetzung nicht. Präziser wäre: Er sollte der Mann einer einzigen Frau sein, denn das griechische Zahlwort ist in auffälliger Weise vorangestellt. Doch wie immer man den Text versteht: Der Verfasser des Briefes heißt es gut, wenn ein christlicher Gemeindeleiter verheiratet ist. Er betont nur, dass er keine zweite Frau ehelichen solle, etwa nach dem Tod der ersten.

          Der Hinweis auf die eine Ehe ist nur ein Punkt eines Tugendkatalogs für den Gemeindeleiter. Dem Haus soll er gut vorstehen und gehorsame Kinder haben, außerdem nicht geldgierig sein, nicht streitsüchtig, nicht gewalttätig, kein Trinker, vielmehr soll er sich unter Kontrolle haben, Milde und Gastfreundlichkeit zeigen. Damit wandte der Autor sich offenbar gegen unstete Gestalten, die manche Gemeinden zu beeindrucken wussten, und beschwor Tugenden, die fast alle Römer gutheißen konnten. Ein untadeliger Zeitgenosse sollte die Gemeinde leiten.

          Der Brief führt in eine Welt, in der Christen, diese Träger einer neuen, allseits misstrauisch beäugten Religion, demonstrieren wollten, wie anständig sie waren: eigentlich ganz normale Leute, die eben eine spezielle Gestalt, Jesus Christus, in das Zentrum ihres Glaubens rücken. Und normale, anständige Männer waren nun einmal verheiratet. Verheiratete Männer galten als verlässlich – es soll moderne Unternehmen geben, die genauso denken. Vom Zölibat ist hier jedenfalls nicht die Rede.

          Der Apostel Paulus sah die Ehe mit Distanz

          Unter den antiken Christen war diese Position zur Ehe nicht selbstverständlich: Jesus stellte man sich als ehelosen Wanderprediger vor. Der Apostel Paulus sah die Ehe mit Distanz: Wer verheiratet sei, könne sich nicht vollkommen auf den Herrn konzentrieren, anders als Unverheiratete, meinte er. Gleichwohl sah er, dass viele Menschen nicht anders konnten, als dem Sexualdrang nachzugeben. Diese sollten heiraten dürfen, um ihre Triebe zu kanalisieren – übrigens ein Ratschlag, den man in dieser Welt oft hörte, keineswegs nur von Christen.

          Breit war somit das Meinungsspektrum zur Ehe unter frühen Christen. Gewiss entschieden sich etliche Amtsträger für ein Leben in Keuschheit und damit für Ehelosigkeit, aber das war keineswegs allgemeinverbindlich. Die frühen Christen können mithin nicht dafür herhalten, die Notwendigkeit eines Zölibats zu begründen, anders als es Walter Kardinal Brandmüller behauptet.

          Wie erwähnt, waren die paulinischen Vorbehalte gegenüber der Sexualität in ihrer Zeit keineswegs ungewöhnlich. In manchen nichtchristlichen Kreisen wusste man Keuschheit und Ehelosigkeit zu schätzen, so in der jüdischen Gruppe der Essener; viele Philosophen dachten darüber nach, wie der Sexualdrang zu beherrschen sei. Hohes Ansehen genossen etwa die römischen Vestalinnen, die für die Zeit ihres Dienstes als Priesterinnen der Göttin Vesta unverheiratet blieben.

          Eine Lebensform, die in Verruf geraten ist

          Es scheint, dass in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten immer mehr Menschen verschiedener Weltanschauungen danach strebten, den Sexualtrieb konsequent zu kontrollieren, gar zu unterdrücken. Verzicht auf Geschlechtsverkehr galt in diesen Kreisen nicht als pathologisch, sondern als wünschenswert, als Ausdruck wahrer Stärke. So verwundert es nicht, dass unter den Christen Stimmen lauter wurden, die sexuellen Verzicht, ja eine allgemeine Askese forderten. Mit dem konsequenten Verzicht konnten sie selbst Heiden beeindrucken, denn die Kraft des Glaubens zeigte sich in der überlegenen Tugend, ähnlich wie beim Martyrium. Seit dem ausgehenden dritten Jahrhundert hört man öfters von Christen, die sich aus der Welt zurückzogen, sogar in die Wüste gingen, um allein ihren Glauben zu leben und auf diese Weise für Gott zu leiden.

          Kaum zufällig geschah dies in einer Zeit, da die Bischöfe immer mächtiger wurden und ihr Leben an Glanz gewann, zumal nachdem Konstantin der Große (306 bis 337) sich dem Christengott zugewandt hatte und die Gelegenheiten zum Martyrium dahin waren. Verständlich, dass die radikalen Asketen Gläubige anzogen und die angenehmer lebenden Bischöfe und Priester sich Fragen ausgesetzt sahen, selbst wenn sie unverheiratet blieben. Zum ersten Mal hört man jetzt, teils aus dubiosen Quellen wie den angeblichen Konzilsbeschlüssen von Elvira, von Forderungen nach einem allgemeinen Zölibat der Kleriker, doch diese gewannen nur allmählich an Bedeutung; immer wieder ging es dann darum, die Autorität von Klerikern gegenüber religiösen Virtuosen zu behaupten. Die Entstehung des Zölibats kann gewiss nicht allein aus der Rivalität christlicher Autoritäten untereinander erklärt werden, doch diese trug wesentlich dazu bei.

          Die zölibatäre Lebensform war somit lange eine Alternative für Priester, aber keine Verpflichtung. Sie gewann im Westen an Geltung für den gesamten Klerus, im Osten jedoch nur für Bischöfe, für gewöhnlich ehemalige Mönche. Dass Martin Luther sich verheiratete, war ein Fanal der Reformation und begründete die Idee des protestantischen Pfarrhauses. Die katholische Kirche duldet ihrerseits in ihrer Weisheit und Weite an vielen Stellen heute bereits verheiratete Priester, wie Hubert Wolf (F.A.Z. vom 15.Juli) zeigt. So fragt sich der Nichtkatholik, warum das frühchristliche Nebeneinander von zölibatären und nichtzölibatären Lebensformen bei Klerikern so gefährlich sein soll. Kleinmütig klingt die Klage Brandmüllers, dass die Existenz der katholischen Kirche am verpflichtenden Zölibat für höhere Weihen hänge.

          Indes – es gab in vielen Phasen der Geschichte des Christentums gute Gründe dafür, den Zölibat zu fordern, theologische wie sachliche. Es ist Sache katholischer Theologen, diese Argumente abzuwägen; einer pseudohistorischen Erklärung bedarf eine gute Theologie hoffentlich nicht. Allerdings liegt die Unduldsamkeit nicht nur auf der Seite konservativer Kirchenleute. In der Gegenwart ist der Zölibat insgesamt in Verruf geraten, denn er steht unter einem psychologischen Generalverdacht: Kann man ein normaler, ein anständiger Mensch sein, wenn man Keuschheit und damit Ehelosigkeit gelobt? Bestätigt werden die Kritiker durch die wachsende Zahl von Missbrauchsfällen, die aus der katholischen Kirche bekanntwerden.

          Es lohnt ein Blick über die enge Welt des Westens hinaus

          Plausibel ist es, dass der Zölibat Menschen anlockt, die Schwierigkeiten mit ihrer Sexualität haben, und darunter solche, die zum Missbrauch Abhängiger neigen. Doch nicht jeder, der den Zölibat lebt, begeht Missbrauch, und nicht jeder, der Kinder und Frauen missbraucht, lebt im Zölibat: Auch die evangelische Kirche, auch staatliche und private Erziehungseinrichtungen kennen sexuellen Missbrauch.

          Doch keine Einrichtung hat so hartleibig reagiert wie die katholische Kirche, nicht zuletzt wegen einer Sakramententheologie, die die Hoheit des priesterlichen Amtes betont. Diese sollte ursprünglich die Gläubigen der Gültigkeit der Sakramente selbst dann versichern, wenn der Spender der Sakramente, der Priester, sündig war; jetzt aber scheint sie oftmals Macht und Sündigkeit von Priestern zu schützen. Der Zölibat ist nur ein Element des Bildes und vielleicht nicht das wichtigste.

          Jedenfalls wäre es Ausdruck eines anmaßenden Präsentismus, wenn man allein eine physisch ausgelebte Sexualität als akzeptabel definierte. Viel kann man aus der Geschichte bekanntlich nicht lernen, aber doch, dass alles stets anders sein kann, als es den ewig Heutigen erscheint. Daher wäre an etwas sehr Unzeitgemäßes zu erinnern: nämlich an die Dignität des Verzichtes auch im sexuellen Bereich, der Keuschheit, um das altertümliche Wort erneut zu verwenden.

          Zeitgeistige Verdammungsurteile

          Bereitschaft zum Verzicht wird heute in vielen Bereichen aus guten Gründen großgeschrieben, während sexuelle Enthaltsamkeit eher als die Sache fragwürdiger Gruppen gilt. Doch ein Blick, der über die Gegenwart und über die enge Welt des Westens hinausreicht, zeigt eine große Vielfalt von Formen sexueller Entsagung in der europäischen Vergangenheit, aber auch in der globalen Gegenwart, etwa des heutigen Indiens. Der Zölibat und die noch bestehenden Klöster erinnern daran, dass Verzichtbereitschaft in weiten Teilen Europas zum Alltag gehörte.

          Es ist im modernen Westen ohne Zweifel schwieriger als in anderen Welten geworden, Keuschheit zu leben, und selten sind heute die Fälle gelingender Keuschheit. Doch das genügt nicht, um den Gedanken als solchen zu pathologisieren. Der Zölibat hat seinen historischen Kontext und seine historische Dignität und kann die respektable Entscheidung eines Einzelnen sein. Zeitgeistige Verdammungsurteile und ahistorische Bekenntnisse machen es sich zu leicht.

          Der Autor, Jahrgang 1963, lehrt Alte Geschichte an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Zuletzt erschien „Die frühen Christen. Von den Anfängen bis Konstantin“ (2018).

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