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Gauland-Zitat zu Boateng : Die Hundepfeife des rechten Denkens

Jerome Boateng, Verteidiger in der deutschen Nationalmannschaft, wurde zum Zankapfel in einer neuen Rassismus-Debatte. Bild: AFP

Im öffentlichen Diskurs hat der Rassismus keine Chance. Trotzdem wird er immer stärker. Warum?

          5 Min.

          Ergiebiger als die Frage, ob Alexander Gauland Jerome Boateng tatsächlich beleidigt hat, ist die Diskussion, die sich daran anschloss: ob die Öffentlichkeit womöglich in eine Falle tappt, wenn sie Äußerungen von AfD-Politikern so diskutiert, als könne sie mit deren Verurteilung oder Widerlegung einen Sieg erringen. In Wirklichkeit siege in jedem Fall die AfD, meinten diese Woche verschiedene Beobachter. Der Extremismusforscher Alexander Häusler sprach von einer „rechtspopulistischen Eskalationsschraube“, an der Gauland, ebenso wie zuvor schon diverse Parteifreunde, gezielt gedreht habe. Dahinter steht die Vorstellung, dass sich die einmal im öffentlichen Raum plazierten Begriffe, gleich, wie oft sie danach wieder zurückgenommen oder relativiert werden, dort festsetzen, den Bereich des politisch Sag- und Erörterbaren unmerklich verschieben.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Andrian Kreye erinnerte in der „Süddeutschen Zeitung“ an das vor allem aus der Diskussion der Bush-Ära her bekannte Konzept der „Dog Whistle Politics“: Die kodierte Ansprache rechter Milieus funktioniere nach dem Prinzip der Hundepfeife, deren hohe Frequenzen von Menschen gar nicht wahrgenommen werden, wohl aber von den Hunden, für die sie bestimmt sind. Ähnlich nutzten rechte Gruppierungen vermeintlich harmlose oder nachträglich dementierte Äußerungen, um einen Effekt bei ihrer Zielgruppe zu erreichen, der der allgemeinen Öffentlichkeit entgeht. Die gemeinsame Pointe solcher Interpretationen ist die Vermutung, dass sich eine Zurückweisung durch den offiziellen Diskurs, wie sie zum Beispiel das Gauland-Zitat diese Woche reichlich erfahren hat, auf das angepeilte Milieu und dessen Verbindung mit der Partei gerade stabilisierend auswirkt.

          Zwei Sätze, die jetzt jeder auswendig kennt

          Nun kann man daran zweifeln, dass Gauland tatsächlich so abgründig sophisticated agiert, dass er mit vollem Bewusstsein eine skandalöse Formulierung aus einem Hintergrundgespräch in die Medienaufmerksamkeit schmuggeln wollte, um sie danach zurückzunehmen und gleichzeitig ihre zersetzende Wirkung tun zu lassen. Zudem können die beiden Sätze, die mittlerweile jeder auswendig kennt („Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben“), für sich genommen tatsächlich als die soziologische Zustandsbeschreibung gelten, als die sie Gauland nachträglich verstanden wissen wollte – wenn man davon absieht, dass der Alltagsrassismus eines Teils der Deutschen da so generalisiert, auf „die Leute“ im Allgemeinen ausgeweitet wird, dass er schon fast etwas Naturwüchsig-Normatives bekommt.

          Alexander Gauland bei einer Podiumsdiskussion in Cottbus.

          Doch der Kontext und die Sprecherrolle nehmen dem Zitat alle deskriptive Unschuld. Wie Gauland selber seinen Parteifreunden in einer E-Mail schrieb, seien die Sätze in einem Gespräch gefallen, in dessen Mittelpunkt „der ungebremste Zustrom raum- und kulturfremder Menschen nach Deutschland“ stand, „und wie sich dieser Zustrom auf das Heimatgefühl vieler Menschen auswirkt“. Er formulierte die Sätze dann als stellvertretender Vorsitzender einer Partei, die gerade für sich reklamiert, die Menschen vor diesem Zustrom und dessen Auswirkungen auf ihr Heimatgefühl in Schutz zu nehmen. In einem solchen Zusammenhang kann die Beschreibung einer Einstellung der Leute ohne weiteres als Anspruch verstanden werden, dieser Einstellung eine politische Repräsentation zu geben.

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