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Gauland-Zitat zu Boateng : Die Hundepfeife des rechten Denkens

Wenn pure Amoral zur Option wird

Gleichzeitig kommt eine Eigendynamik in Gang, die auch Bereiche erfasst, die mit den ursprünglichen Themen der Systemgegner gar nichts mehr zu tun haben: Wertungen des „Systems“ geraten dann schon deshalb unter Verdacht, weil das „System“ sie vornimmt. Der Mechanismus der durch Isolationsangst getriebenen Schweigespirale, wie er in der bisherigen Konsensgesellschaft galt, kehrt sich um. Pure Amoral wird zur Option, wenigstens als spielerische Möglichkeit. Niemand hat das so instinktsicher auf den Punkt gebracht wie Donald Trump, als er seinen Anhängern zurief: „Ich könnte mitten auf der Fifth Avenue stehen und jemanden erschießen, und ich würde keine Wähler verlieren, alles klar?“ Statt der Diskursgesellschaft liefert die Gruppe der Gleichgesinnten die Maßstäbe und Kriterien, denen deren Angehörigen vertrauen zu können glauben.

Wer wie bisher darauf setzt, dass vom öffentlichen Diskurs und seinen Schlachten der Kurs der Gesellschaft abhängt, muss offensichtlich umdenken. Tabuisierungen funktionieren weit weniger verlässlich als früher. Das ist umso fataler, als es nicht nur eine kleine radikale Minderheit betrifft. Wenn man Abgrenzungen zu einem solchen Milieu tatsächlich nicht mehr beim Nennwert nehmen kann, da sie von unterschiedlichen Zielgruppen ganz unterschiedlich aufgefasst werden, verschwimmen die Trennlinien zwischen Problembeschreibungen und rassistischen Ausfällen immer mehr. Das könnte auch Schichten, denen die rechtsextremen Kreise fremd sind, dazu verleiten, sich aus den Kompliziertheiten des Diskurses schrittweise auszuklinken, um endlich Klartext zu sprechen, die Dinge beim Namen zu nennen, oder wie die Umschreibungen der Stammesrhetorik sonst noch lauten mögen.

Hilft im Kampf gegen Rassismus etwa Carl Schmitt?

Wie die öffentliche Kommunikation mit diesen paradoxen Effekten umgehen soll, die alle möglichen Absichten in ihr Gegenteil verkehren, ist eine offene Frage. Jakob Augstein hat in seiner „Spiegel Online“-Kolumne die linke Politik dazu aufgefordert, mindestens so emotional zu agieren wie die rechte. Der Gegenüberstellung von imaginiertem Volkskörper und Fremden, wie sie die Rechte vornimmt, empfiehlt er, eine Gegenüberstellung von oben und unten entgegenzusetzen. „Um im Kampf gegen ein Gefühl zu obsiegen, gibt es nur einen Weg: Man muss ein stärkeres Gefühl entwickeln“, zitiert er die belgische Politikwissenschaftlerin Chantal Mouffe, die den Konsens der Mitte für trügerisch und gefährlich hält. Die Linke Mouffe beruft sich dabei wie die Rechte auf Carl Schmitt und dessen Freund-Feind-Denken als Kern des Politischen. Es wäre eine bittere, vielleicht aber unausweichliche Ironie, wenn sich der Kampf gegen den Rassismus am Ende nur noch mit dem Kronjuristen des Dritten Reichs gewinnen ließe.

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