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Covid-19 und Übergewicht : Warum Corona für Arme so gefährlich ist

Essen gegen Stress: Wie stark bedingen sich Covid-19 und Übergewicht? Bild: Picture-Alliance

Wer ist von der Corona-Pandemie besonders bedroht? Übergewichtige Menschen gelten als Risikogruppe. Dabei darf man nicht vergessen, was Ursache ungesunder Ernährung ist: Armut.

          3 Min.

          Nachdem bislang bei der Diskussion um die Corona-Hochrisikogruppen, die besonders vor einer Ansteckung geschützt werden müssen, ältere Menschen und solche mit chronischen Atemwegserkrankungen im Mittelpunkt standen, rückt jetzt zunehmend eine neue, ebenfalls sehr gefährdete Gruppe in den Mittelpunkt, über die allerdings (noch) wenig gesprochen wird: die Fettleibigen.

          Eine aktuelle Studie der Liverpool University in Zusammenarbeit mit dem Imperial College London, die Daten von etwa 17.000 Patienten aus 166 britischen Krankenhäusern ausgewertet hat, kommt zu dem Ergebnis, dass stark übergewichtige an Covid-19 erkrankte Menschen, die stationär behandelt werden müssen, eine sehr viel höhere Wahrscheinlichkeit haben zu sterben (vierzig Prozent) als normalgewichtige Corona-Kranke. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommen Forscher des NYU Langone Medical Center in Manhattan, die die Daten von insgesamt mehr als 4000 Corona-Patienten, die zwischen dem 1.März und dem 1.April behandelt werden mussten, ausgewertet haben.

          Nicht nur ein ökonomischer Zustand

          Fettleibigkeit also. Gründe dafür existieren viele – wobei es sich in den allermeisten Fällen gewiss nicht um solche handelt, die man mit Ermahnungen zu Verhaltensänderungen wirksam ausschalten könnte.

          Ein großer Risikofaktor für Übergewicht ist Armut. In ihr sehen zunehmend auch amerikanische Diskussionen über die Frage, warum in den Vereinigten Staaten unter anderem Schwarze im Fall einer Infektion mit dem neuen Coronavirus ein erhöhtes Sterberisiko haben, einen entscheidenden Faktor. Armut ist nicht nur ein ökonomischer Zustand, sie zeichnet Menschen, psychisch und physisch.

          Es ist bekannt, dass ärmere Menschen häufiger als finanziell bessergestellte (schwer) erkranken und eine geringere Lebenserwartung haben. Was die Ernährung betrifft: Wer, um seine Miete zu bezahlen und seine Familie zu ernähren, zwei Jobs erledigen muss, der hat weder die Zeit noch das Geld, um im Bio-Supermarkt einzukaufen und abends eine ausgewogene Mahlzeit zu kochen, der greift lieber, um überhaupt noch ein paar Stunden schlafen zu können, bevor die nächste Schicht anbricht, auf Fertiggerichte zurück, die von der Nahrungsmittelchemie im Auftrag der Industrie häufig mit Zucker, Salz, Fett und anderen Inhaltsstoffen versetzt werden, deren Nährwert geringer ist als ihr Effekt auf den Appetit und damit die Mengen, die der Hersteller von einem Produkt absetzen kann. Gesunde Ernährung ist immer auch eine Frage des persönlichen Spielraums, und die Größe dieses Spielraums hat nicht allein mit Geld, sondern vor allem auch mit Zeit und mit Bildung zu tun.

          Hinzu kommt, dass Menschen mit geringem Einkommen immer stärker aus den Stadtzentren an die Ränder der großen Siedlungsräume verdrängt werden, was in vielen Fällen bedeutet, dass sich der Anfahrtsweg zur Arbeit verlängert. Das fällt als zusätzlicher Stressfaktor buchstäblich ins Gewicht und wirkt sich negativ auf die Gesundheit aus.

          Stress beeinflusst unser Essverhalten

          André Kleinridders vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung vermutet, dass in Deutschland vierzig Prozent der Menschen bei Stress mehr essen als gewöhnlich. Solange es sich dabei um eine Strategie der kurzfristigen emotionalen Beruhigung handelt und dieses Essverhalten nicht zum Dauerzustand wird, ist das noch nicht sonderlich problematisch. Gesundheitlich gefährlich wird Stress erst, wenn er chronisch ist. Dann nämlich produziert die Nebenniere vermehrt Cortisol, und der Appetit steigt, und zwar nicht auf einen Gemüseauflauf, sondern auf zucker- und fetthaltige Lebensmittel, die einen schnellen Kick geben. Aus dem Wohlstandsbauch ist der Stressbauch geworden.

          Die Weichen unserer Ernährungsbiographie werden bekanntlich bereits in der Kindheit gestellt. So fand eine von der Universität Michigan durchgeführte Studie heraus, dass schon Kinder im Alter von vier Jahren in Stresssituationen essen, obwohl sie gar keinen Hunger haben. Vergessen darf man außerdem nicht, dass viele im Niedriglohnsektor beschäftigte Menschen im Schichtdienst schuften. Die innere Uhr gerät dadurch ständig aus dem Takt. Während unsere Gehirnuhren am intensivsten auf Licht reagieren, tun es jene in Darm, Leber und Nieren vor allem auf Nahrung.

          Wenn zukünftig also intensiver über die Corona-Gefahr für adipöse Menschen diskutiert wird, sollte man einen wichtigen Risikofaktor gerade für Übergewicht nicht vergessen: Armut.

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