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Flucht aus Albanien : Ein Land ohne future

„Ein Abenteuer ist es aber auch. Denn die meisten wissen, dass sie nicht bleiben dürfen in Deutschland. Wie beim Glücksspiel werfen sie eine Münze und hoffen auf Kopf, obwohl bei dieser besonderen Münze fast immer nur Zahl fällt. Es ist die Natur des Menschen, leben zu wollen, besser leben zu wollen“, sagt Kongoli zum Schluss.

Wo bleibt der albanische Horror?

Ein Abenteuer? Ein Glücksspiel? Harmlos hört sich das an, denke ich, und dann denke ich wieder an Daniel, der auch um die Zukunft gespielt hat. Das Abenteuer war sein Wunsch nach dem besseren Leben. Dabei ging es nicht um ein festes Gehalt, um irgendeinen Job, beides hatte Daniel auch in Albanien. Er wollte einfach mehr für sein Leben. Und dieses Mehr-Wollen, es ist zwar so selbstverständlich, wir Deutschen, wir in der EU sind es gewohnt. Doch wenn Tausende von außen auf einmal dieses Mehr einfordern, finden wir Deutschen, wir Europäer, es seltsam. Auch ich. Nur deshalb bin ich in diesem Land. Nur deshalb war ich auch in Shkoza, in der Roma-Siedlung am Rande Tiranas. Ich habe den Horror gesucht, einen vernünftigen Grund für das Weggehen, und habe etwas anderes gefunden: den eigenen deutsch-europäischen Hochmut.

Und jetzt wird mir das alles erst klar, benommen laufe ich durch das Zentrum Tiranas, suche Ina. Sie wartet auf mich in einer Bar. Und diese Bar sieht so aus wie eine neue Bar in Berlin, Kreuzberg bis Mitte. Und Ina, die da auf einem Retro-Stuhl sitzt, sie sieht so aus wie eine junge Frau in Berlin, Kreuzberg bis Mitte.

Blutrache und die Suche nach Thrill

Was ist eigentlich mit dem Kanun? Diese Frage fällt einfach so aus meinem Mund, anscheinend suche ich immer noch hochmütig nach dem albanischen Horror. Denn der Kanun ist eine jahrhundertealte Sammlung von mündlich überlieferten Gesetzen und Regeln. Im Kanun geht es um Blutrache und darum, dass Frauen Besitz sind. Und diese Gesetze und Regeln, sie gelten noch immer, zumindest sagen das Bücher, Berichte und Essays aus Deutschland. Kanun ist der perfekte Grund fürs Asyl, denke ich und spüre sofort einen Thrill, weil das Wort Blutrache in jedem Kopf einen Thrill auslösen kann.

„Kanun? So denkt ihr Deutschen von uns?“, sagt Ina, holt zu laut Luft für ihren zierlichen Körper, und ich schäme mich wieder für meine Suche nach Thrill. „Vielleicht halten sich Dorfmenschen im Norden daran. Aber im Alltag Albaniens, im Leben der Städte, sind diese Gesetze egal“, sagt sie; und dass ich jetzt meine Vorurteile über Albanien aufzählen soll. Es sind viele – Zwangsprostituierte, Blutrache-Opfer, Blutrache-Täter –, so viele, dass es irgendwann Mitternacht ist und wir auf den Treppen des Kulturpalastes Tiranas sitzen und rauchen. Bis Ina anfängt zu singen. Albanische Popsongs. Ihr Handy spult dazu Musik. Dann kommt der Morgen, die Zigarettenschachteln sind leer, die Stimmen schon heiser. Abschied am Skanderbeg-Denkmal. Vor ihm, über uns: die rote Flagge Albaniens mit diesem schwarzen Doppelkopfadler, der auch auf der Brust Daniels wohnt. Zwei Köpfe, aus dem tiefen Rot schauen sie raus, fest und entschlossen. Was suchen sie, diese zwei Köpfe? Vielleicht nur ein Wort, vielleicht nur sechs Buchstaben.

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